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Für Osteopathen ist das nichts Außergewöhnliches, denn sie betrachten den Körper als Ganzes - wenn der linke Fuß schmerzt, kann die Ursache in Verspannungen im Hüftbereich liegen, verbrauchte Wirbel oder Bandscheiben können Schwindelanfälle auslösen, wenn die Hand unbeweglich wird, reicht die Wirkung bis in die Schulter. Wer das menschliche Knochengerüst genau betrachtet, sieht es selbst: Knochen, Wirbel, Bandscheiben und Gelenke hängen nicht einfach so zusammen, sie funktionieren reibungslos nur im gemeinsamen Wechselspiel mit Bindegewebe, Nerven, Muskeln, Sehnen und Gelenken.
Osteopathie heißt wörtlich 'Knochenleiden': osteon (griech. Knochen) und pathos (griech. Leiden). Erfunden wurde die sanfte Heilmethode von Andrew Taylor Still (1828–1917), Arzt aus Missouri. Seine Kinder starben an Rückenmarkshaut-Entzündung. Still widmete sich daraufhin der Erforschung des Knochengerüsts und der Wirbelsäule. Er entdeckte, wie sehr der Körper als ganzheitliches "Uhrwerk" funktioniert, wie und wo ein Rädchen ins andere greift. Durch Druck und Massage mit den Händen - so fand er heraus - lassen sich Staus, Verspannungen und Blockaden, die die Harmonie der Körperfunktionen empfindlich stören, lösen und setzen eine Selbstheilung in Gang. 1892 gründete Still die „American School of Osteopathy“.
In Deutschland etablierte sich die Osteopathie erst in den 80er Jahren, viel später als beispielsweise in England und Frankreich. In den USA praktizieren inzwischen rund 45 000 Osteopathen. Schon bei Kleinkindern wird Osteopathie erfolgreich angewandt, in vielen britischen Geburtskliniken ist die Untersuchung des Neugeborenen durch einen Osteopathen selbstverständlich. Viele Haltungsschäden, aber auch organische Beeinträchtigungen entstehen aus osteopathischer Sicht durch eine Verschiebung der Schädelknochen bei der Geburt. Daraus resultierenden Probleme können sich noch Jahrzehnte später bemerkbar machen, auch als unspezifische Symptome wie Migräne und Tinnitus im Erwachsenenalter.
Ohne Bewegung ist ein normales Leben undenkbar, also setzt Osteopathie genau hier an: Bewußte Bewegung von Muskeln und Gelenken, aber auch die (unbewußte) Bewegung von Lunge, Magen, Darm und Herz. Ist die Beweglichkeit eines Körperteils oder die Funktion eines inneren Organs eingeschränkt, dann funktionieren auch andere Bereiche nicht mehr reibungslos. Ursachen für Probleme im Bewegungsapparat können beispielsweise auch eine alte Operationsnarbe oder das nächtliche Zähneknirschen sein. Zum ganzheitlichen Verständnis gehören für den Osteopathen darüber hinaus die Bewegungen der Körperflüssigkeiten Lymphe, Blut und Gehirnwasser.
Osteopathen erfühlen und ertasten Spannungen im Organismus, massieren, ziehen, strecken, dehnen Gelenke und Muskeln, streichen sanft oder kräftig über den Körper und seine Organe, drücken fest oder vorsichtig, halten für das "Listening" immer wieder inne, um mit den Händen nachzuspüren und auf den Fluß von Körperflüssigkeiten zu "hören". Mit buchstäblich "heilenden Händen" lindern sie Schmerzen und Beschwerden manchmal schon nach zwei oder drei Sitzungen. Aber bei aller Sanftheit: ab und zu können die Knochen auch gehörig knacken oder krachen, wenn damit der Energiefluß wieder hergestellt wird.
Osteopathie hilft vor allem bei chronischen Leiden. Bei akuten Verletzungen oder schweren Krankheiten wie z.B. Krebs ist immer noch die Schulmedizin gefragt. Der Osteopath kann besonders wirkungsvoll helfen und lindern bei Haltungsschäden, Verspannungen, chronischen Rückenbeschwerden, Gelenkschmerzen. Auch die Behandlung psychischer Probleme wird inzwischen osteopathisch begleitet und erleichtert.
Osteopathen brauchen eine mehrjährige anatomische und medizinische Ausbildung. Allerdings ist die Berufsbezeichnung "Osteopath" nicht geschützt. In den USA ist die Osteopathie seit den 70er Jahren als akademischer Studiengang parallel zum Medizinstudium anerkannt und kann mit der Promotion abgeschlossen werden. In Deutschland wird Osteopathie an verschiedenen Schulen unterrichtet. Voraussetzung dafür ist die Ausbildung zum Physiotherapeuten. In Deutschland können Ärzte ein dreijähriges berufsbegleitendes Studium bei der Deutschen Gesellschaft für Osteopathie (DGOM) absolvieren.
(Christiane Schwalbe)
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