
Fischer Taschenbuch
9. Auflage
764 Seiten
9,95 Euro
Als Mark in der kleinen Provinzstadt Kearney in Nebraska aus dem Koma erwacht, ist er ein anderer Mensch. Er weiß nicht mehr, was geschah, wie er ins Krankenhaus kam und welche Frau da an seinem Bett sitzt. Er weiß nichts von dem schweren Unfall, bei dem er fast gestorben wäre. Karin, seine Schwester, ist verzweifelt:
„Seit er wieder sprechen kann, weigert mein Bruder sich, mich zu erkennen. Er weiß, dass er eine Schwester hat. Er weiß alles über sie. Er sagt, sie sieht aus wie ich. Aber ich sei nicht seine Schwester“.
Capgras-Sydrom heißt das in der Medizin - eine seltene Wahnvorstellung, bei der die Betroffenen glauben, ein naher Verwandter oder Freund sei durch einen Doppelgänger ersetzt worden. Mark glaubt an Verschwörung, hält seine Schwester für eine Agentin und hat jedes Vertrauen in seine Umgebung verloren.
Ärzte und Freunde, seine Schwester und die Krankenpflegerin Barbara, die sich nahezu selbstlos um ihn kümmert, ziehen Mark hinein in ein verwirrendes Netz von Tests und Behandlungen, zerren an seinem Bewusstsein, um ihn wieder „normal“ zu machen.
Aber was ist das: „normal“. Richard Powers führt uns die Schuldgefühle, die Nöte und Qualen der handelnden Personen vor, zeigt, welcher Zufälligkeit unser Dasein unterworfen ist und lässt uns eine Unmenge von Einzelheiten aus der Hirnforschung wissen - er hat jahrelang für dieses Buch recherchiert.
Jede der 100 Milliarden Zellen eines einzelnen Gehirns baut Tausende von Verbindungen auf. Die Intensität und das Wesen dieser Verbindungen verändert sich mit jedem äußeren Reiz, mit jeder Erfahrung …. Wenn man eine zufällige Gruppe von Neurowissenschaftlern befragte, was wir über die Herausbildung des Ichs im Gehirn wissen, müssten die Besten unter ihnen antworten: So gut wie nichts.
Dieser vielschichtige, kraftvoll und lebendig erzählte Roman ist zugleich fesselnder Krimi, kluges Sachbuch und berührende Geschwistergeschichte. Er zeigt uns - beunruhigend deutlich - die Grenzen des Ichs und die Zerbrechlichkeit des Seins.
Und er ist zutiefst philosophisch in den Fragen nach Verstand und Seele, nach Einzigartigkeit und Identität, Individualität und Gemeinschaft und nach der zerstörerischen Rolle des Menschen in der Natur.
(Christiane Schwalbe)