Buchtipp


Buchtitel Elif Shafak,  Der Bastard von Istanbul

Elif Shafak
"Der Bastard von Istanbul"


Eichborn Verlag
464 Seiten
22.90 Euro



Elif Shafak

geb. 1971
in Straßburg, Fkr.
türk. Schriftstellerin



Elif Shafak
"Der Bastard von Istanbul"

Stark geschminkt, auf Stöckelschuhen und im Minirock - so hastet die junge Türkin Zeliha durch Istanbul. Es regnet, sie hat keinen Schirm, ein Absatz bricht ab, ein Taxifahrer pöbelt sie an. Sie flucht, wissend, dass man das besser nicht tut. In ihrer Familie, in der nur Frauen leben, die allesamt Tante genannt werden, gibt es Regeln - geschriebene und ungeschriebene.

Zwischen Istanbul und Arizona

Eine junge Frau in Istanbul ist auf dem Weg zum Gynäkolgen: sie will eine Abtreibung. Sie ist 19 Jahre alt und hat keinen Mann.
Eine andere junge Frau lebt in Arizona: Rose, einer jungen Amerikanerin mit Mann, schwanger, verheiratet mit einem Armenier. Seine Familie hält nicht nur die Traditionen des armenischen Volkes in Ehren, sondern auch den Hass auf die Türken wach, die 1915 Völkermord an den Armeniern begangen haben. Wegen dieser Aussage stand im letzten Jahr auch die Autorin Elif Shafak vor Gericht.
19 Jahre später pendeln wir zwischen Istanbul, San Francisco und dem US-Bundesstaat Arizona hin und her und bewegen uns dabei in einem höchst komplizierten familiären Geflecht. Rose ist inzwischen geschieden. Armanoush, ihre Tochter, verbringt ihre Ferien stets bei ihrer armenischen Familie in Kalifornien. Sie soll wie eine Armenierin erzogen werden. Aber sie geht ihre eigenen Wege, sucht ihre Wurzeln und findet sie in Istanbul. Heimlich.
In der Familie ihres türkischen Stiefvaters. In Istanbul begegnet sie der gleichaltrigen Asya, der Tochter unserer Minirocktürkin. Sie ist der "Bastard von Istanbul", ohne Vater. Ihre Mutter schweigt hartnäckig, seit 19 Jahren. Auch die Familie - eine höchst verrückte Mischung - weiß nicht Bescheid.

Keine Furcht vor Tabus

Elif Shafak spart in ihrer prallen, durch und durch turbulenten, komischen und wagemutig konstruierten Familiengeschichte kein Tabu aus: Inzest und Vergewaltigung, Mystik und Aberglaube, tief empfundene Religiosität, die Emanzipation der Frau und die Ehre des türkischen Mannes.
Sie selbst, die abwechselnd in Amerika und der Türkei lebt, wagt eine Art Drahtseilakt, denn irgendjemand kann sich immer verletzt fühlen: Christen, Juden, Armenier, Moslems. Heute zumindest ist es so, früher war das anders, zumindest in der Metropole Istanbul.
"Die Stadt war einmal so kosmopolitisch ... wir hatten jüdische Nachbarn, eine ganze Menge davon. Wir hatten auch griechische Nachbarn und armenische. Als Junge habe ich immer Fisch bei einem griechischen Fischer gekauft. Die Schneiderin meiner Mutter war Armenierin, der Chef meines Vaters Jude. Ihr seht, wir waren alle bunt gemischt."
Elif Shafaks Roman ist eine ebenso gewagte wie heitere Wanderung zwischen den Religionen, in deren Mittelpunkt der Konflikt zwischen Türken und Armeniern steht. Aber der gegenseitigen Respekt, den die zwei jungen Mädchen füreinander empfinden, die bei aller Gegensätzlichkeit lernen, sich zuzuhören und zu verstehen, eröffnet in diesem Roman eine versöhnliche Perspektive für die Zukunft.

(Christiane Schwalbe)