Buchtipp


Buchtipp  Orhan Pamuk, Istanbul

Orhan Pamuk
"Istanbul -
Erinnerungen an eine Stadt"


Hanser Verlag
432 Seiten
25.90 Euro


Orhan Pamuk
"Istanbul - Erinnerungen an eine Stadt"

Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk lebt und arbeitet seit 50 Jahren in Istanbul. Er kennt seine Stadt buchstäblich wie seine Westentasche, hat sie aus vielen verschiedenen Perspektiven betrachtet und beschreibt sie politisch, poetisch, historisch und philosophisch.

Malen als Leidenschaft

Orhan Pamuk ist 15 Jahre alt als er das Malen zu seiner Leidenschaft macht. Ein kleines Schwarz-Weiß-Foto Foto in seinem Buch zeigt uns, wo er dies am liebsten tat: auf einem Balkon hoch über der Stadt, ein Blatt Papier auf dem Tisch und vor sich das Panorama Istanbuls bis hin zum Bosporus. Maler zu werden, war lange sein Traum. Denn träumen konnte Orhan Pamuk schon als kleiner Junge, am liebsten am hellichten Tage:
„Als Kind wurde ich den Gedanken nicht los, irgendwo in Istanbul, in einem Haus wie dem unseren, müsse noch ein zweiter Orhan leben, ein Ebenbild von mir, ein Zwilling, ein zweites Selbst …Mit fortschreitendem Alter wurde mir diese Vorstellung zum immer reicheren Phantasiegebilde und ging in meine Träume ein. Wenn ich mich unglücklich fühlte, stellte ich mir gerne vor, dass ich in ein anderes Haus, ein anderes Leben gehen würde, eben dorthin, wo jener Orhan wohnte, und dann freundete ich mich mit dem Gedanken an, ich selbst sei dieser Orhan und weidete mich an seinem Glück.“

Kleine Denkmäler

Orhan Pamuk macht uns mit seiner Familie bekannt, erzählt uns von behüteter Kindheit und spaziert mit uns durch sein Istanbul. Diese Stadt hat er über Jahrzehnte hinweg immer wieder neu entdeckt, ihre Entwicklung zu einer ebenso lebendigen wie chaotischen Metropole verfolgt, daraus genaue Kenntnis der Bewohner und ihres alltäglichen Lebens gewonnen.
Er läßt uns teilhaben an seinem Wissen um die schönen und schönsten Plätze, Ecken, Winkel und Gassen Istanbuls. Er macht uns bekannt mit alten Stichen und schmökert in umfangreicher Reiseliteratur, in der Schriftsteller und Chronisten dieser Stadt jeweils eigene kleine Denkmäler gesetzt, sie mindestens aber facettenreich und orientverliebt beschrieben haben.

"Hüzün" ist ein besonderes Gefühl

Die Menschen dieser Stadt leben mit einer besonderen Stimmung, einem Gefühl, das „hüzün“ heißt. Es ist eine Mischung aus Trauer, Melancholie und Tristesse, als läge ständig eine Art Schleier über der Stadt, die vom Untergang des osmanischen Reiches ebenso geprägt ist wie von den orientalischen Klischeevorstellungen aus Tausendundeiner Nacht.
Pamuk macht es dem Leser nicht leicht. Der heitere, leichte Plauderton ist nicht seine Sache. Seine Beschreibungen sind bis ins Detail erarbeitet, durchdacht, konzentriert und kompakt formuliert. Seine Betrachtungen sind bedächtig, nachdenklich, melancholisch. Er leuchtet in die dunklen Winkel der Geschichte, er führt uns durch mondäne Viertel, hochherrschaftliche Villen und pittoreske Gassen.

Großmutters Hoffnungen

Er zeigt uns auch natürlich auch die strahlenden Seiten dieser kosmopolitischen Metropole, den Bosporus und die Hagia Sophia, berichtet von Banalitäten, Kuriositäten und Katastrophen. Er lässt uns die Stadt sehen, fühlen, riechen, schmecken, wechselt dabei ständig die Perspektive: Szenen aus dem Alltags- und Familienleben, Betrachtungen über Nationalismus und Religion, Geschichte und Philosophie, Beispiele aus Kunst und Literatur.
Dazu Fotografien, die das alte und das neue Istanbul zeigen, den kleinen und den heranwachsenden Pamuk, den Schulschwänzer und Romantiker inmitten seiner langsam auseinanderfallenden, traditionellen Großfamilie. Seine Mutter wünschte, ihr Jüngster möge ein fleißiger, aufrichtiger, unauffällig-guter Mensch werden. Weshalb sie ihn Orhan nannte und ihm damit den Namen eines Sultans gab, der sich nie zu großen Taten aufgeschwungen, sondern ein unauffälliges Leben ohne Verschrobenheiten geführt hatte.
Seine Großmutter hoffte schon früh etwas anderes: „Mein Enkel Orhan hat mich besucht. Er ist ein kluger, lieber Kerl. Er studiert Architektur. Ich habe ihm zehn Lira gegeben. Hoffentlich wird er einmal sehr erfolgreich und verhilft dem Namen Pamuk zu soviel Ruhm wie sein Großvater.“
Mit dem Literaturnobelpreis dürfte sich die Hoffnung der Großmutter erfüllt haben.

(Christiane Schwalbe)