

Mit einem Vorwort von Ilija Trojanow
Karl Blessing Verlag
345 Seiten
19.95 Euro
Zeiten des Glücks im Unglück - das sind für Amitav Ghosh sehr persönliche biografische Momente, die er mit den großen historischen Augenblicken in der Geschichte Indiens vor und nach der Unabhängigkeit verknüpft. Er beobachtet persönlich und subjektiv. Wenn er Schriftsteller oder Politiker besucht, dann steht immer der Mensch im Mittelpunkt - auch im Gespräch mit der Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi in Birma:
„Ich war erstaunt, wie viel sie lachte. Manchmal kicherte sie hinter vorgehaltener Hand, dann wieder warf sie den Kopf zurück und lachte aus vollem Halse. Ich hatte wohl einen gewissen feierlichen Ernst erwartet, und sei es nur auf Grund der Atmosphäre der Einschüchterung, die die Versammlungen umgibt. Die Leute in der Menge schien das nicht zu kümmern. Sie lachten schallend mit.“
Amitav Gosh ist stets willkommen bei denen, von deren Schicksalen er erzählt. Er darf beobachten, zuschauen, zuhören. Er zeichnet lebendige Porträts, spürt Erinnerungen nach, schafft kleine Welten, in denen besondere Menschen leben und setzt ein Bild seiner Heimat Indien zusammen, das verblüffende Perspektiven auf eine Region eröffnet, die von Touristen allzu gern nur exotisch erlebt wird. Seine Reportagen offenbaren ungewöhnliche und aufregende Einblicke, sie liefern historische Hintergründe und politische Aufklärung.
Indische Augenblicke - das sind Wanderungen zwischen den Welten. Sie illustrieren unzerstörbare Verbindungen des Subkontinents mit der ehemaligen Kolonialmacht England und mit den Nachbarländern Thailand, Birma und Kambodscha. Sie dokumentieren die Folgen der Kolonialzeit und die politischen Unruhen im Land. Sie beschreiben Migration und Diaspora. Aber Amitav Ghosh beobachtet auch Weltpolitik. Als er mit seinen Kindern am 11. September 2001 nach den Anschlägen auf das World Trade Center nach Hause geht, fehlen ihm die Worte:
„Ich hielt meine Kinder an den Händen und suchte nach beruhigenden Worten, nach etwas, das die Vertäuung, die sich an diesem Vormittag gelöst hatte, wieder festigen und ihnen ihr Gefühl der Sicherheit zurückgeben konnte. Doch Worte stehen nicht jederzeit parat, und mir fielen keine ein. ... Meine Einbildungskraft versagt, wenn ich mir konkret vorzustellen versuche, wie es sein muss, über Jahre hinweg einen kollektiven Selbstmord zu planen oder am Abfertigungsschalter in einer Schlange von Menschen zu stehen, deren Ermordung bereits beschlossen ist.“
(Christiane Schwalbe)