Buchtipp


Buchtipp Christian Schüle
Türkeireise, Von unerhörten Begegnungen, erfüllten Sehnsüchten
und der Suche nach Europa

"Türkeireise"
Christian Schüle

Von unerhörten Begegnungen, erfüllten Sehnsüchten und der Suche nach Europa.

Verlag Malik
224 Seiten
18.90 Euro


"Türkeireise"

Von unerhörten Begegnungen, erfüllten Sehnsüchten und der Suche nach Europa.
Christian Schüle

Christian Schüle ist Journalist, schreibt für die ZEIT und hat mit „Deutschlandvermessung“ die Abrechnungen eines Mittdreißigers vorgelegt, den eine ganz andere Zukunft erwartet als er möglicherweise als Wohlstandskind der 80er Jahre erwartet hat. In seinem Buch „Türkeireise“ befasst er sich mit dem umstrittenen Land, das EU-Mitglied werden möchte.

Persönliches Erleben

Das ist eine Türkeireise der besonderen und sehr persönlichen Art - kein touristisches Interesse treibt den Autor in kleine Dörfer und große Moscheen, auf Marktplätze, in Teppichwebereien, Teehäuser und Friseurstuben. Christian Schüle hat sich auf die Suche nach der türkischen Seele gemacht, angeregt durch ein Foto Ara Gülers, des berühmtesten Fotografen und Chronisten türkischen Lebens seit mehr als 50 Jahren.
Seine Suche beginnt in Istanbul, auf und unter der Galata-Brücke - unten dampfen in Cafés und Kneipen die Wasserpfeifen, klacken Tavla-Steine, zeugen Ara Gülers Fotos von vergangenen Zeiten, klagen weinende Geigen und oben „war das Herrschaftsgebiet der Angler ... sie kamen jeden Tag zusammen, um für fünf Millionen Lira pro Kilogramm den verhetzten Passanten frischen Fisch zu verkaufen, direkt von der Angel.“

Die türkische Seele

Istanbul ist nicht der Nabel der Türkei - die türkische Seele begegnet dem Autor vor allem in den Familien und kleinen Dörfern, die er auf durchaus abenteuerlichen Wegen erreicht - begleitet von Menschen, die sich auskennen und denen er Geheimnisse entlocken kann:
Hatice zum Beispiel, 25 Jahre alt, nicht verheiratet und Kleinunternehmerin. Sie besitzt eine Teppichweberei ... die man von außen für ein mittelalterliches Wohnhaus aus kompaktem Stein halten könnte. Die Finger der Weberinnen waren grüngefärbt. ... Sie arbeiteten in der überheizten Gewölbezelle von etwa 20 Quadratmetern. Sechs Tage webten sie an einem Teppich ... Lütfiye und Naile waren dick und lustig.
Die detailgenauen und nicht immer schmeichelhaften Beschreibungen von Menschen machen Schüles journalistisch-poetische Reise so außergewöhnlich:
Wir treffen den Vorbeter in der Moschee, den Muezzin, den Patron mit brillantberingten Fingern und den Kapuzinerpater in Antalya, der erklärt, warum gerade hier Frieden zwischen den Religionen möglich ist. Wir treffen Baumwollpflücker in Anatolien, den feinen Herrn Yurtta, Huren aus Rußland, die alle Natascha heißen und türkische Männer, die faul im Teehaus herumlungern.

Urteile und Vorurteile

Nichts wird ausgespart, Schüle trifft alle und alles: die Kurden und die Türken, die Frauen mit und ohne Kopftuch, die Familienpatriarchen, die Atatürk-Verehrer und die Gläubigen mit der Gebetskette in der Hand.br /> Irgendwo zwischen Istanbul, dem Taurus-Gebirge, Kappadokien und Anatolien begegnen wir jedem Vorurteil, jedem Klischee und jeder stolzen Wahrheit. Schüle ist dabei ebenso eindeutig wie einfühlsam. Aber klar ist auch. Die Identität der Türken liegt in ihrer Familie, ihrer Sippe und Tradition. Von daher könnte es für die Türkei schwierig werden in einem Europa ohne nationale Egoismen. Schwierig und vielleicht unmöglich.

(Christiane Schwalbe)