Buchtipp


Buchtipp  Klaus Berthold, Bremer Kaufmannsfeste

Klaus Berthold
"Bremer Kaufmannsfeste"


Rituale, Gebräuche und Tischsitten der bremischen Kaufmannschaft

Hrsg. Handelskammer Bremen im
Schünemann Verlag
148 Seiten
29.80 Euro



Das 464ste Schaffermahl
fand 2008 am 8.Febr.
in der Oberen
Rathaushalle statt

Klaus Berthold
"Bremer Kaufmannsfeste"

Rituale, Gebräuche und Tischsitten der bremischen Kaufmannschaft

Hanseatische Rituale sind nicht nur etwas besonderes, in Bremen werden sie auch liebevoll gepflegt. Denn vor allem die Kaufmannstraditionen erinnern daran, dass Bremer Handelshäuser schon vor mehr als 100 Jahren „buten und binnen“ aktiv waren. Eine weitere Spezialität dieser Feste: Hier treffen sich nur Männer, Frauen kommen allenfalls am Rande vor.

Winterfeste

Die großen Feste finden im Winter statt, schließlich hat und hatte der Handel mit Schiffahrt zu tun und die schwächelte im Winter, zumindest im hohen Norden. Nicht umsonst erinnert uns die Eiswettfeier am Dreikönigstag daran, dass die Weser früher Eisgang hatte, Schiffe also nicht fahren konnten.

Erinnerungen an koloniale Zeiten

Zu welch merkwürdigen Ritualen Männer fähig sind, erfahren wir im Kapitel über den Ostasiatischen Verein, der seit 1901 die intensiven Handelsbeziehungen zwischen Bremen und Asien pflegt. Bei den alljährlichen Siftungsfesten darf der traditionelle Trinkspruch „The Tiger - The Puma and the little Babies“ nicht fehlen. Er erinnert an die Kolonialzeit und an die Gefahren im malaiischen Dschungel.

Mit Schnuller und Lätzchen

Das Tiger- und Pumagebrüll bei den Curry-Tafeln des Vereins animierte den Weserkurier 1959 zu einer Karikatur: Die Herren sitzen mit Lätzchen und Schnuller an langen Tischen. Serviert wird ausnahmsweise nicht bremisch: Es gibt ein traditionelles Curryessen, das es in sich hat, weshalb vorsorglich Verzehrhinweise gegeben werden: „Lemon Pickles und Kashmir Chilipaste sind sehr scharfe Curry-Zutaten. Es wird empfohlen, davon spärlich zu nehmen.“

Ohne Messer und Gabel

1962 noch gab es genaue Erklärungen zu den Speisen: Schwalbennester-Suppe beispielsweise, Madras-Papadums, Curry á la Naaz oder Bombay Duk. „Das Currymahl wird mit einem Suppenlöffel gegessen. Messer und Gabel werden nicht benötigt, jedoch auf Wunsch gereicht.“ Mit Stäbchen hat man sich gar nicht erst abgemüht.

Geschichte europäischer Tischkultur

Klaus Berthold dokumentiert in seinem überaus detailliert und kenntnisreich geschriebenen Buch nicht nur die Entwicklung der europäischen Tischkultur über die Jahrhunderte hinweg. Er hat historische Fakten und Geschichten über die großen Mahlzeiten und ihre Speisenfolgen, den Service bei Tisch, zeitgemäße Dekorationen und passendes Porzellan zusammengetragen, beschreibt Teilnehmer, Festsäle und Kleiderzwänge.

Minutiöse Planungen

Detaillierte Zeitpläne geben Zeugnis von der Genauigkeit, mit der solche Feste bis heute ausgerichtet werden: aus dem Zeitplan der 463. Schaffermahlzeit am 9. Februar 2007:
14.28 Uhr: Der Verwaltende Vorsteher gibt den Einlass durch Klopfen bekannt ...10 Minuten
14.38 Uhr: Suppe auffüllen und essen - 9 Minuten ...
15.13 Uhr: 3. Strophe Deutschlandlied - 1 Minute ...
15.49 Uhr: Silberhumpen-– 13 Minuten ...
17.07 Uhr: Büchsen für die Sammlung / Teller setzen - 4 Minuten ...
19.00 Uhr: Tabak setzen und Pfeifen rauchen – 1 Minute ...

Nichts für schwache Mägen

Ein lehrreiches, amüsantes Buch, aufwändig gestaltet, mit einer Fülle schöner Fotos, Abbildungen und Zeichnungen, die lebendige bremische Traditionen illustrieren und uns allemal klar machen, dass Schaffermahl und Schmeckemahlzeit, Januargesellschaft und Eiswette nichts für schwache Mägen sind.

(Christiane Schwalbe)