Bremerinnen

Paula Modersohn-
Becker
1876 - 1907


 Bremerin, Freizeit Bremen








Paula Modersohn-Becker

"Deutschlands Picasso ist eine Frau"

Mit zwei Ausstellungen zu ihrem 100. Todestag hat Paula Modersohn-Becker gerade eine ungeahnte und späte Popularität bekommen. 223 000 Besucher betrachteten in der Bremer Kunsthalle ihre Bilder, rund 70 000 besuchten die ägyptischen Mumienporträts in der Böttcherstraße. Zwei große Events, die der Malerin in der Kunstgeschichte den ihr gebührenden Platz eingeräumt und sie einem großen Publikum bekannt gemacht haben.

Neue Formensprache

Eine Popularität, die sich die Organisatoren gewünscht haben, denn - so schreibt Kunsthallenchef Wulf Herzogenrath im Weserkurier vom 2. März 2008: "Unsere, von manchen zunächst für zu kess gehaltene These, dass Paula Modersohn-Becker die in Paris gewonnenen Erkenntnisse über die neue Formensprache der Fläche, über die Befreiung der Farbe von der Form, d.h. die Anregungen eines Paul Cézanne, Paul Gauguin oder Henri Rousseau, in ein eigenständiges Werk umgesetzt hat, das sie an den Beginn der Moderne in Deutschland stellt, wurde ... belohnt".

Inspiration in Paris

Paris war für die junge Paula Befreiung, Inspiration und Lebenslust zugleich:

„Ich sehe diese Pariser Reisen an als Ergänzung meines hiesigen, etwas einseitigen Lebens und ich fühle, wie dieses Untertauchen in eine fremde Stadt mit ihren tausend Schwingungen nach zehn ruhigen Worpsweder Monaten mir ungefähres Lebensbedürfnis wird“
schreibt Paula Modersohn-Becker 1905 an ihre Mutter. Nur noch zwei Jahre bleiben ihr in ihrem kurzen Leben, aber diese zwei Jahre werden ihre produktivsten. Vielleicht, weil sie eine Vorahnung von ihrem frühen Tode hatte:
„Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben. Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes, intensives Fest. (...) Und wenn nun die Liebe mir noch blüht, vordem ich scheide, und wenn ich drei gute Bilder gemalt habe, dann will ich gern scheiden mit Blumen in den Händen und im Haar.“

Liberales Elternhaus

Geboren wurde Minna Hermine Paula Becker am 8. Februar 1876 in Dresden, als drittes von sieben Kindern. Sie war zwölf, als die Familie nach Bremen zog. Hier wohnten sie in der Schwachhauser Heerstraße. Mit 17 bekam sie Zeichenunterricht, hatte zuvor ihre Tante in der Nähe von London besucht und auch dort viel gezeichnet. Ihr Vater bestand auf ihrer Ausbildung zur Lehrerin, ließ sie nach dem Examen aber in Berlin auf die Malschule des Vereins Berliner Künstlerinnen gehen.

Abkehr vom herkömmlichen Kunstbetrieb

Dort besuchte sie, wie später in Paris, täglich Museen und Galerien, um Kunstwerke zu studieren und Anregungen zu sammeln. 1898 zog sie nach Worpswede, um den dort ansässigen Malern nahe zu sein, die sich abkehrten vom herkömmlichen Kunstbetrieb. Hier lernte sie auch ihren späteren Ehemann Otto Modersohn kennen, 11 Jahre älter als sie. Die beiden heirateten im Mai 1901.

Paris leuchtet

Der tiefe Himmel über Worpswede war für Paula anfänglich „ein Wunderland, ein Götterland“. Aber die Provinzialität des kleinen Künstlerdorfes, die engen gesellschaftlichen Regeln für Künstlerinnen der damaligen Zeit ließen es Paula Modersohn-Becker nicht lange aushalten in Worpswede. Es zog sie hinaus in die Welt, nach Paris, wo sie mit dem Skizzenblock durch die Straßen lief:
„Oft, wenn ich oben auf dem Omnibus saß, hat mir das Herz gelacht über diese schöne Stadt“. Hier fand sie Anregung und Inspiration, hier konnte sie in Museen und in Galerien Bilder studieren. Wie sie sich gefühlt haben muss, erst recht als die Freundin Clara Rilke-Westhoff nach Paris kam, ist bei Gunna Wendt in „Clara und Paula“ nachzulesen: „Oh Clara, Sie und ich in Paris. Das ist ein Fest. Da ist Champagner in der Luft“.

Mutig und zielstrebig

Vier Mal war Paula in Paris, insgesamt eineinhalb Jahre. Sie war eine eigenwillige, mutige, selbstbewusste und zielstrebige Frau. In Paris studierte sie die alten Meister, begeisterte sich für Cézanne und Gauguin, fand im Louvre die Mumienporträts, die sie zu eigenen Bildern inspirierten.
In den privaten Pariser Akademien durfte sie lernen, was Frauen in Deutschland verboten war: öffentliches Aktzeichnen. Also war sie die erste deutsche Künstlerin, die sich selbst nackt malte. Ein Tabubruch ohne gleichen und ein Riesenschritt vorwärts in der Kunstgeschichte. „Deutschlands Picasso ist eine Frau“, schrieb nach der Eröffnung der Bremer Ausstellung die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Radikal neue Bildersprache

Paulas Mut, sich um malerische Konventionen nicht zu scheren, neu und anders zu malen als bisher, war umso bewundernswerter, als einzig der Bildhauer Bernhard Hoetger sie in ihrem Tun unterstützte und ermutigte, auf ihrem Weg weiterzumachen.
„Ich fange jetzt auch an zu glauben, dass aus mir etwas wird“.
In Bremen ist die radikal neue Bildersprache Paula Modersohn-Beckers jetzt gewürdigt worden. Im Vergleich mit den großen Zeitgenossen der französischen Malerei, deren Bilder in der Bremer Kunsthalle neben denen Paulas hingen, wurde sichtbar, wie revolutionär diese junge Frau das Kunstverständnis verändert hat. Ihr Mann, Otto Modersohn, hat es zumindest geahnt als er schrieb:
"Keiner kennt sie, keiner schätzt sie - das wird anders werden".
Aber das hat 100 Jahre gedauert.