
466. Bremer
Schaffermahlzeit
Obere Rathaushalle
12.Februar 2010
Ehrengast 2010:
Christian Wulff
Ministerpräsident Niedersachsen
Ehrengast 2009:
Horst Köhler
Bundespräsident
Ehrengast 2008:
Wolfgang Schneiderhan
Generalinspekteur
der Bundeswehr
Wenn sich am zweiten Freitag im Februar über 300 Herren in Frack und Zylinder und Kapitänsuniform in der Oberen Rathaushalle versammelt haben, öffnen sich zu Wagners „Einzug der Gäste“ aus dem „Tannhäuser“ die Türen zum Festsaal. Das ist der feierliche Beginn des „Brudermahls“. Mit dieser Tradition (und reichen Spenden) unterstützen die Herren das Haus Seefahrt, bei der Gründung 1545 noch „Arme Seefahrt“: „... eine unabhängige für sich bestehende milde Stiftung zur Unterstützung bedürftiger Seefahrer und deren Witwen“. (Quelle: Berthold, Bremer Kaufmannsfeste)
Das heute eigens für diesen Anlass gebraute, dunkle, schwere und süße Seefahrtsbier sollte früher die Seeleute vor Skorbut schützen. Heutzutage muss es rechtzeitig probiert werden, in der Regel Ende Januar bei der sogenannten Schmeckeprobe und heutigen Schmeckemahlzeit, einer nicht ganz so üppigen, gleichwohl ebenso traditionellen Veranstaltung.
Der zeitliche Ablauf beim Schaffermahl ist minutiös geregelt bis hin zum menschlichen Bedürfnis in den sogenannten „Raupipau“, den Rauch- und Pinkelpausen. Auch die Anordnung der Tische in Form von Neptuns Dreizack und die Speisenfolge sind seit Jahrhunderten gleich. Überaus reichlich ist das Mahl: Hühnersuppe, Stockfisch mit Senfsauce, Braunkohl mit Pinkel, Rauchfleisch und Maronen, Kalbsbraten mit Selleriesalat, Katharinenpflaumen und gedämpften Äpfeln, Rigaer Butt, Sardellen, Wurst und Zunge, Chester- und Rahmkäse, Früchte.
Dazu weißer und roter Wein und zwischendurch das dickflüssige und äußerst nahrhafte Seefahrtsbier in großen Silberhumpen. Anschließend Mokka und dazu Tabak aus traditionellen Tonpfeifen.
Pfeffer und Salz, wie alle Gewürze früher sehr kostbar, gibt es in Tütchen aus Gold- und Silberpapier, und unter den Servietten verstecken sich Löschpapierblätter. Für das gesamte Essen gibt es nämlich nur ein Besteck, also heißt es zwischendurch immer wieder „abwischen“. Wie früher, als das Schaffermahl noch ein schlichtes Stockfischessen war.
Dazwischen halten Schaffer (kaufmännische Mitglieder des Hauses Seefahrt) und Gäste launige Reden. „Schaffen“, also das Fest ausrichten zu dürfen, ist bis heute eine große Ehre und ebenfalls strengen Regeln unterworfen. Das gilt auch für die Dauer des Mahls - bis 19.30 Uhr - und den anschließenden Ball mit Damen, der um 22.00 Uhr beendet wird.
Eherne Regel ist außerdem: Damen kommen beim Festmahl nicht vor. Aber (prominente) Ausnahmen bestätigen auch diese Regel: Privileg einer Bundeskanzlerin ist es, Männerbünde aufzustören: 2007 war Angela Merkel Gast beim Bremer Schaffermahl, seit 1545 eine geschlossene Männergesellschaft aus Reedern, Kaufleuten und Kapitänen, die zwar drei Jahre vorher schon einer Frau die Ehre erwies, aber 2008 sind Frauen wieder nicht zur Schaffermahlzeit eingeladen worden. Indirekte Ausnahme in diesem Jahr: Eine Simultandolmetscherin übersetzt die Tischreden für die ausländischen Gäste ins Englische.
Davon abgesehen ließen sich Frauen den Ausschluß nicht mehr bieten und kürten 1975, im „Internationalen Jahr der Frau“, ihr eigenes Ritual: Das Schafferinnenmahl wurde von der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen aus Protest organisiert, „solange, bis auch Frauen zum Schaffermahl eingeladen werden“.
Darauf warten sie seit 32 Jahren.
Im Jahr 2008 wird der Begriff „Schaffermahlzeit“ offizielles und eingetragenes Markenzeichen. Schließlich ist es „kein elitäres, sondern ein Freundschaftsessen, ein einfaches Mahl“, sagt Ralf Koch, Vorsteher des Hauses Seefahrt.“ Mit der Bezeichnung „Mahlzeit“ will man den Vorwürfen, eine Veranstaltung für die Oberen Zehntausend zu sein, Bescheidenheit entgegensetzen.