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Dazu auch der ausführliche Kochbuchtipp


"Das Kohl & Pinkel Buch"


Buchtitel Das Kohl & Pinkel Buch, Buchtipp,Kohl- und Pinkelfahrten in Bremen mehr.... >


Edition Temmen
192 Seiten
12.90 Euro


3708

Kohlfahrten in Norddeutschland

Bremische Tradition mit karnevalistischem Einschlag

Die zünftige Kohlfahrt ist eine Art (Betriebs-, Vereins- oder Großfamilien-) Ausflug anlässlich der schlichten Tatsache, dass der Grünkohl Frost bekommen hat. Von November bis März kann man den fröhlichen Grüppchen auf Landpartie in der norddeutschen Tiefebene begegnen.

Szenario einer Kohlfahrt

Ein Bollerwagen gehört dazu (für Unkundige: Das ist ein kleiner, handgezogener Leiterwagen mit einer Deichsel, gern bunt angemalt), eine Gruppe immer angeheiterter und manchmal verkleideter Menschen, Bier und Schnaps (vorzugsweise Korn), bunt geschmückte Regenschirme, weil es in der norddeutschen Tiefebene um Bremen herum selten wirklich frostig ist, ein großer Würfel zum Spielen (Vorsicht, eine sechs heißt: eine Runde Korn!) und pro Person ein Eierbecher oder Schnapsglas, an einem Band um den Hals gehängt.

Eierlaufen und Sackhüpfen

Auch Strohhüte und Musikinstrumente sind gern gesehene Requisiten, ans Revers gehört ein Kohlblatt und vielleicht noch ein Hütchen auf den Kopf. Statt gewürfelt wird auch gern gebosselt (das ist eine Art Freiluftkegeln), Eierlaufen oder Sackhüpfen sind beliebte Alternativen für zünftige Kohlfahrt-Spiele.
So sieht das Szenario einer ordentlichen Kohlfahrt aus. Wobei die Fahrt an sich eher kurz ausfällt, allenfalls von Bremen bis ins niedersächsische Umland. Dann wird gelaufen. Und getrunken, um den Magen anzuwärmen und anzuregen für die kommenden deftigen Genüsse.

Landpartie mit Königin

Natürlich gibt es einen Organisator, den Kohlkönig oder die Kohlkönigin. Sie haben ein Jahr zuvor den Fressorden gewonnen und müssen sich nicht nur um Bollerwagen inklusive Bier und Korn kümmern, sondern vor allem ein gutes Gasthaus finden. Als Orden gab's einen Schweineknochen eine Krone oder eine Amtskette.

Schwerstarbeit für den Magen

Nach der legendären fünften Jahreszeit, dem "Freimaak", ist dies also die sechste Jahreszeit, die sich Bremerinnen und Bremer unbescheidenerweise gönnen. Warum sie nicht schnurstracks ins Gasthaus gehen? Weil die Wanderung – manchmal in Begleitung eines Drehorgelspielers - dazu dient, sich richtig hungrig zu laufen, eben Kohldampf zu kriegen. Denn ein Kohl- und Pinkel-Essen ist alles andere als leicht verdaulich. Weshalb es durchaus passend ist, wenn das Landgasthaus auch über einen Tanzsaal oder eine Kegelbahn verfügt - für den Sport danach.

Pinkel?

Grünkohl wird mit Pinkelwurst serviert, einem gut gewürzten Gemisch aus Speck, Zwiebeln und Hafergrütze, gestopft in den Mastdarm eines Rindes. Und der heißt Pinkeldarm. Womit geklärt wäre, dass diese Wurst nichts Anrüchiges ist. Auf den Kohl gehören Kassler, Bauchspeck und Kochwurst. Außerdem Kartoffeln in diversen gekochten und gebratenen Variationen. Kalorienarm ist dieses Essen nicht, ganz im Gegenteil, denn der Kohl wird kräftig in Schmalz gekocht und liegt lang und schwer im Magen.

Bremen contra Oldenburg

Buß- und Bettag, das ist Jahr für Jahr der Beginn der Kohlsaison. Dann hat das grüne Gemüse hoffentlich den ersten Frost bekommen, sodass aus seiner eher bitteren Stärke Zucker geworden ist. Erst jetzt schmeckt er wirklich.
In Oldenburg, wo der Grünkohl Grünkohl heißt, behauptet man, diese Speise sei ebenda erfunden worden. Was die Bremer, wo der Grünkohl Braunkohl heißt, vehement und Jahr für Jahr aufs neue abstreiten. Diese Fehde gibt es seit Jahrhunderten, und so wird es bleiben. Sollen die Oldenburger sich ihren Grünkohl also an die Palme stecken – pardon: an die Oldenburger Palme. So wird der Kohl im Oldenburgischen genannt.

Grünkohlakademie

Mag er wachsen, wo er will (was er tut): Kohl und Pinkel ist eine rein bremische Tradition. Auch wenn er von Braunschweig bis Ostfriesland gegessen wird.
Und wahrhaftig: Es gibt in Oldenburg eine Grünkohlakademie, gegründet im Februar 2003 in Berlin beim „46. Defftig Ollborger Grööönkohl Äten“. Hier kann man alles zum Thema Grünkohl erfahren und studieren – auch vor Ort auf dem Felde, wie die Akademie auf ihrer Website verspricht – und mit einem Grünkohldiplom abschließen.

Federkohl und Kreuzblütler

Für Wissensdurstige und Ernährungsbewußte:
Grünkohl gehört zur Familie der Kreuzblütler, heißt in der Schweiz, aller Krausköpfigkeit und Schwere der Zubereitung zum Trotz, Federkohl, ist reich an Vitaminen und Mineralstoffen und wird vor allem beim Aufwärmen bräunlich. Weshalb er in Bremen eben Braunkohl heißt.
Kohlbewußte wissen außerdem, dass diese Speise – aufgewärmt – gegen Kater hilft (nach einem Grünkohlessen keine Seltenheit), früher die Speise armer Bauern war, in der Antike zum kultischen Frühlings-Begrüßungsessen gehörte und ursprünglich auf griechischen Feldern gedieh.

Und so wird Grünkohl gekocht:

Man braucht einen großen Topf, denn Kohl und Fleisch werden geschichtet. Die Mengen richten sich natürlich nach der Anzahl der Gäste. Für vier Personen rechnet man 2 Kilo Kohl, dazu etwa 200 Gramm Kassler, eine Koch- und eine Pinkelwurst sowie Bauchspeck nach Geschmack.
Der Grünkohl ist von großen Blättern und dicken Rippen befreit, gehackt und blanchiert und in Eiswasser abgeschreckt worden (wegen der grünen Farbe). Dann kommen Schmalz und Zwiebeln nach Geschmack in den Topf, kurz dünsten, anschließend Kohl, Hafergrütze (2 bis 3 Eßlöffel), Kassler und Bauchspeck hineinschichten, Pfeffer, Salz und Zucker dazu, Senf, wer mag, heiße Fleischbrühe drüber gießen, Deckel drauf, und alles etwa zweieinhalb Stunden langsam schmoren lassen.
Die Garzeit richtet sich nach dem Biss, den der Kohl behalten soll. Pinkelwurst und Kochwürste kommen erst kurz vor Garzeitende oben drauf. Andere legen die Pinkel früher dazu, damit sie platzt und sich ihr Inhalt mit dem Kohl mischt. Auch lecker.