Theater Bremen
Schauspiel
Theaterkritik


"Woyzeck"

Georg Büchner


REGIE:
Robert Schuster

BÜHNE /
KOSTÜME:
Sascha Gross
MUSIK:
zeitblom

DARSTELLER:
Woyzeck:
Timo Lampka
Marie:
Johanna Geißler
Hauptmann:
Siegfried W. Maschek
Doktor:
Irene Kleinschmidt
Tambourmajor:
Michael Lucke
Käthe:
Varia Linnéa Sjöström
Andres:
Sven Fricke
DAUER:
2 Stunden o.P.

Der Regisseur Robert Schuster leitete von 1999 bis 2002 gemeinsam mit Tom Kühnel das Theater am Turm (TAT) in Frankfurt. Er ist Professor für Schauspielregie an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin. In der Spielzeit 2007/2008 inszenierte er die „Bakchen“ von Raoul Schrott nach der Tragödie von Euripides.







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"Woyzeck" - Georg Büchner

Ein wahrer Fall inspirierte den jungen Georg Büchner zu "seinem" Woyzeck. Da war er gerade mal 23 Jahre alt und starb kurze Zeit später. Das Schauspiel blieb ein Fragment, uraufgeführt erst 70 Jahre nach Büchners Tod und seitdem fester Bestandteil deutscher Bühnenrepertoires.

Psychopath oder Archetypus

Johann Christian Woyzeck war ein Friseur und Perückenmacher aus Leipzig, der seine Geliebte aus Eifersucht erstochen hat. Im Prozess ging es um seine Schuldfähigkeit und um medizinische Gutachten, die seine Hinrichtung immer wieder verschoben haben.
Das Drama des Woyzeck, den Büchner zum Rekruten und Barbier in einer kleinen Garnisonsstadt macht, bietet eine breite Projektionsfläche: Ist Woyzeck ein armer Tropf oder ein Verrückter, ein Underdog und Ausgegrenzter, verlassenes Kind oder gequältes Opfer, Psychopath oder Archetypus für mörderische Phantasien in jedem von uns?

Opfer und Täter

In Bremen ist Woyzeck bedauernswertes Opfer des Hauptmanns und seiner Soldaten, die ihn verachten und mit Häme überschütten. Aber er ist auch einer, der sich nicht wehren kann, Angst hat und unter quälender Unruhe leidet, weil ihn die Eifersucht umtreibt: Marie, seine Freundin, mit der er ein Kind hat, erliegt dem Werben eines schicken Tambourmajors. Zuflucht hat Woyzeck stets nur bei ihr gefunden. Nun betrügt sie ihn, und er weiß keinen anderen Ausweg, als sie zu ermorden.

Doppel-Mord

Das geschieht gleich zweifach. Zu Beginn des Stückes und am Ende. Warum das so ist, erschließt sich in der Inszenierung von Robert Schuster nicht, auch ein paar andere Einfälle setzen Fragezeichen: das Liebespaar (Varia Linnéa Sjöström und Sven Fricke), das weitgehend wortlos, aber sehr ausdrucksstark agiert. Die rote Scheibe, die über der karg ausgestatteten Bühne schwebt, als solle sie drohendes Unheil andeuten, wird wenigstens einmal herabgelassen und zeigt die Personen in blutroter Aktion.

Arme Kreatur

Timo Lampka als Woyzeck springt wild und ruhelos auf der Bühne herum, gedemütigt vom Hauptmann und Schnaps saufenden Soldaten, eine arme Kreatur, ausgenutzt von einem Doktor, der ihn wochenlang nur Erbsen essen lässt. Johanna Geißler als Marie und ihr Tambourmajor (Michael Lucke) agieren ebenfalls höchst expressiv, und die besoffenen Soldaten geben laut und lallend Obszönitäten von sich.

Lose Szenenfolge

Das sind in sich wirkungsvolle Szenen, die merkwürdig aneinander gehängt wirken, was aber offensichtlich beabsichtigt ist. Theater als Szenenfolge ohne kausalen Zusammenhang, so ist nachzulesen, war zu Büchners Zeiten etwas völlig Neues und sollte Assoziationen ermöglichen.

Keine Psychologisierung

Woyzeck hat weder psychologische Tiefe noch eine wirklich mörderische Ausstrahlung, aber die Inszenierung hält über zwei Stunden hinweg die Spannung. Das lässt sich nicht allein mit den bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen erklären, sondern auch mit immer neuen Regieeinfällen. Die leuchten zwar nicht immer ein, machen aber doch klar: Woyzeck ist Täter und jede Psychologisierung seiner Kindheit wäre fehl am Platz. Oder?

Puppen-Spiel

Die Frage stellt sich angesichts der eindrucksvollen Darstellung des Kindes von Woyzeck und Marie, einer Puppe aus Stoff. Ein ganz in Schwarz gekleideter (Puppen)Spieler dirigiert sie, erweckt sie zum Leben und verleiht dem Kind eine unglaublich ausdrucksstarke und berührende Präsenz. Das ist wirklich großartig.

(Christiane Schwalbe)