Theater Bremen
Schauspiel
Theaterkritik


"Die Wahl-
verwandtschaften"

nach J.W. Goethe
von Marcel Klett und
Philip Stemann


INSZENIERUNG:
Philip Stemann

BÜHNE und
KOSTÜME:
Christian Müller

MUSIK:
Nico Selbach

DARSTELLER:
Eduard:
Tobias Beyer
Charlotte:
Susanne Schrader
Hauptmann:
Axel Röhrle
Ottilie:
Varia Linnéa Sjöström
Graf:
Guido Gallmann
Baronesse:
Eva Gosciejewicz
Mittler:
Detlev Greisner
Architekt:
Johannes Flachmeyer

DAUER:
2 Stunden m. Pause







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"Die Wahlverwandtschaften"

Schauspiel nach dem Roman von J.W. von Goethe von Marcel Klett und Philip Stemann

Wahlverwandtschaften ist ein Begriff aus der Chemie: Gibt man zur Verbindung A und B ein weiteres Element C, dann verbindet sich C mit A, wenn eine stärkere Verwandtschaft zwischen A und C besteht, als zwischen A und B. Was in der Chemie gut funktioniert, führt in menschlichen Beziehungen unweigerlich zu schweren Konflikten.

Vernunft und Gefühle

Goethe, selbst naturwissenschaftlich gebildet, wusste das natürlich. Sein Roman "Die Wahlverwandtschaften", geschrieben vor 200 Jahren, endet tragisch. In der Geschichte um Liebe, Vernunft und Leidenschaft kann sich die Vernunft nicht durchsetzen. Gefühle sind nicht steuerbar, wer es versucht, zerbricht daran.

Tragischer Ausgang

Das erleben auch Eduard und Charlotte, als sie Eduards Freund, einen Hauptmann, und Charlottes Nichte Ottilie zu sich einladen. Eduard verliebt sich in Ottilie, und Charlotte kann sich gegen ihre Gefühle für den Hauptmann nicht wehren, der sie schon seit langem verehrt. Zur allgemeinen Verwirrung tragen Graf und Baronesse bei, die kurzfristig zu Besuch kommen und ins biedere Bürgerleben einen Hauch von exzentrischem Lebenshunger bringen.
Goethes Wahlverwandtschaften enden in einer Katastrophe. Nach dem Tod des gemeinsamen Kindes von Eduard und Charlotte verzehrt sich Ottilie in Schuldgefühlen und geht daran zugrunde. Eduard stirbt wenig später. Zurück bleiben Charlotte und der Hauptmann, wissend, dass ihnen nun kein Glück mehr beschieden sein kann.

Im Geist der Zeit

Der Roman thematisiert ein Problem von zeitloser Gültigkeit. Scheinbar intakte Beziehungen zerbrechen an Gefühlen, die sich nicht im Zaum halten lassen und jede Harmonie sprengen. Regisseur Philip Stemann und Dramaturg Marcel Klett haben die Theaterfassung ganz im Geist der damaligen Zeit auf die Bühne gebracht, in Goethes in unseren Ohren altmodisch klingender Sprache und in Kostümen des beginnenden 19. Jahrhunderts, in Empirekleidern, Gehrock und Stulpenstiefeln.

Latente Brüchigkeit

Das ästhetische, helle Bühnenbild symbolisiert ein Provisorium. Das begehbare hölzerne Baugerüst markiert latente Brüchigkeit und Unfertigkeit, erinnert an eine Baustelle, in der man jederzeit stolpern und stürzen kann, in den Ecken lagern Gipsbüsten und Pflanzen. Über allem thront ein überdimensionaler Engel.
Es gibt nicht viel Aktion in diesem Stück, das Längen hat. Dennoch hält die Inszenierung die Spannung auf eine leise Art, steigert sie vorsichtig und bricht das ruhige Kammerspiel durch die polternden Auftritte der wirkungsvoll in Rot auftretenden Baronesse und des dandyhaft weiß gekleideten Grafen.

Überzeugende Darstellung

Eine etwas textlastige Inszenierung, die auf dramatische Gesten verzichtet und ganz auf die mimische Kraft der Personen setzt. Immer wieder spielt das Piano dazu und sorgt hintergründig für Atmosphäre.
Vor allem die beiden Frauen, Varia Linnéa Sjöström als kindlich-ungestüme Ottilie und Susanne Schrader als vernünftige Charlotte bestechen durch Klarheit und Genauigkeit ihres Spiels, aber auch Tobias Beyer als verliebter Baron und Axel Röhrle als steifer Hauptmann überzeugen.
Detlev Greisner als Mittler kommt daher wie Goethe persönlich. Johannes Flachmeyer ist ein tolpatschiger Architekt, der immer wieder für heitere Einlagen sorgt. Das gilt auch für Guido Gallmann als Graf und Eva Gosciejewicz als Baronesse, die sich exzentrisch in Szene setzen dürfen.

(Christiane Schwalbe)