Tanztheater Bremen / Oldenburg
Schauspielhaus
Theaterkritik


"Wohin"


Urs Dietrich

CHOREOGRAPHIE,
BÜHNE, KOSTÜME



"Wohin"

von Urs Dietrich


Todes-Erfahrung

Wir wissen nichts von diesem Hingehen, das
nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
Bewunderung und Liebe oder Hass
dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund
tragischer Klage wunderlich entstellt.
Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.
Rainer Maria Rilke


Ein Gedicht von Rainer Maria Rilke, das – so das Theater Bremen – den Assoziationsraum beschreibt, in dem "das neue Tanzstück von Urs Dietrich entsteht ... auf der Suche nach dem 'Wohin' angesichts unserer Endlichkeit ..."

Kraft der Bilder

Tanztheater ist assoziativ und mehrdeutig, niemals leicht erklärbar oder stringent logisch in der Betrachtung. Jeder einzelne muß für sich selbst deuten. Das gilt besonders für die Choreografien von Urs Dietrich, der auf Gefühle und die Kraft seiner Bilder setzt, die berühren sollen.

Dick aufgepolstert

Diesmal hat er im Sinne des Wortes eine irre Truppe auf die strahlend weiße Bühne gestellt, sie hinter durchsichtige Plastikvorhänge gestellt als agierten sie hinter Glas.
Die ranken, schlanken und durchtrainierten Tänzerinnen und Tänzer sind pummelig verpackt, mit dicken Hintern und Bäuchen, die aus den Hosen quellen und in T-Shirts und Turnhosen stecken. Auf die eigenen Polster fallen sie weich, auf Schönheit kommt es nicht an, wenn man ein bestimmtes Alter überschritten hat.

Ödes Existenz

Denn es geht ums Alter, um das "Wohin" unserer Körper und unseres Geistes. Die Bewegungen sind nicht mehr fließend und harmonisch, sondern abgehackt und steif, als seien die Menschen fremdgesteuert. Im diffusen Bewusstsein ihrer öde gewordenen Existenz bewegen sie sich schematisch, hölzern, hektisch.

Ohne Ziel vor Augen

Die Putzfrau wischt und räumt und räumt und wischt, die Klavierspielerin greift in die Tasten, aber man hört gar keine Musik, ein anderer führt einen Hasen spazieren oder rennt hektisch durch die Gegend, ohne ein wirkliches Ziel vor Augen.
Eine dünne Frau schleicht sich an den Wänden entlang, imaginären Tönen lauschend, die Haare stehen ihr buchstäblich zu Berge.

Mit sich selbst beschäftigt

Wohin ... ? Ins Altenheim, ins Irrenhaus, in die Einsamkeit? Urs Dietrich beantwortet keine Fragen, er stellt Szenen vor, die jeder für sich interpretieren kann. Gemeinsam wird die Suppe gelöffelt, geräuschvoll, schnell, geschmack-los.
Anschließend hat die Putzfrau mit dem Putzen der Menschen zu tun, die ständig mit sich selbst beschäftigt sind, mit Fingern, Zungen, Mündern, Augen.

Endlichkeit des Lebens

Untermalt mit wechselnder rhythmischer Musik, die in den tosenden Geräuschen eines Weltuntergangs (?) gipfelt, torkeln, rennen und wälzen sich die Menschen, kreisen um sich selbst, um eine Kloschüssel oder ein Klavier, bewaffnet mit Kalaschnikow und Schwimmweste - absurdes Theater, dem Leben abgekuckt, manchmal urkomisch oder grotesk, obwohl doch gar nichts komisch ist in diesem Ausschnitt aus dem Leben, der auf nicht gerade rosige Weise unsere Endlichkeit symbolisiert.

(Christiane Schwalbe)