Theater Bremen
Theater am Goetheplatz
Theaterkritik


"Die schmutzigen Hände"

von Jean-Paul Sartre


INSZENIERUNG:
Wulf Twiehaus

BÜHNENBILD:
Katharina Beth

MUSIK:
Jörg Gollasch
DARSTELLER:
Hoederer:
Siegfried W. Maschek
Hugo:
Sven Fricke
Olga:
Sophie Basse
Jessica:
Varia Linnéa Sjöström
Louis:
Glenn Goltz
Der Prinz:
Daniel Fries
Slick:
Jan Byl
Georges:
Johannes Flachmeyer
Karsky:
Victor Calero




"Die schmutzigen Hände"
Jean-Paul Sartre

Sartre schrieb das Drama schon vor 60 Jahren, in einer Zeit großer Krisen im Paris der Nachkriegszeit, aber der Zwiespalt zwischen persönlicher und politischer Verantwortung, Parteigehorsam und Handeln auf Befehl sind bis heute aktuell. Ebenso die Hoffnung, etwas zu verändern, selbst durch einen politisch motivierten Mord und damit dem eigenen Leben einen Sinn zu geben,

Unter den Laternen

Regisseur Wulf Thiehaus stellt seine Akteure demonstrativ unter (insgesamt zehn) Laternen, die schummriges Licht verbreiten und eine unangenehm zwiespältige Atmosphäre schaffen. So sind auch die Charaktere – zwiespältig, unsicher, zerrissen. Es wird so viel geraucht unter den Laternen, dass es fast schon zum 'running gag' gerät. Dabei ist Sartres düstere Geschichte alles andere als komisch.

Die richtige Gesinnung

Hugo ist ein junger Intellektueller aus gutbürgerlichem Hause. Diesen Makel will er vergessen machen und schließt sich der kommunistischen Partei des Phantasiestaates Illyrien an, der von Deutschen besetzt ist. Wir befinden uns kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der Einmarsch der Russen steht bevor.
Hugo will beweisen, dass er die richtige Gesinnung mitbringt und fiebert danach, etwas zu tun. Man gibt ihm den ersehnten Auftrag, er soll den Parteifunktionär Hoederer erschießen, der angeblich mit den Oppositionellen unter einer Decke steckt.

Respekt und Anerkennung

Aber Hugo fühlt sich von Hoederer angezogen, der ihn als Person wahrnimmt und respektiert. Genau dieses Gefühl, als Mensch und Individuum ernst genommen zu werden, hat Hugo bislang vermisst. Hoederer und seine moralischen Wertvorstellungen beginnen, ihn zu faszinieren. Kann er sich da die Hände schmutzig machen?
Der Auseinandersetzung mit existentialistischen Fragen nach dem Sinn des Lebens und der damit verknüpften politischen Verantwortlichkeit setzt Sartre die private Geschichte entgegen: Hugos Frau Jessica interessiert sich mehr für Männer als für Politik. Zwischen den beiden herrscht Leere statt Verständnis. Geltungsbedürftig sind sie beide, wollen gesellschaftlich etwas darstellen, allerdings mit ganz unterschiedlichen Mitteln. Am Ende erschießt Hugo den Funktionär wohl eher aus Eifersucht. Er erwischt ihn mit seiner Frau.

Im Stil des "film noir"

Regisseur Wulf Twiehaus hat, so sagt er in einem Interview, Sartres Drama im Stil des "film noir" der Nachkriegszeit inszeniert - düster, karg und pessimistisch, "finster" in Technik und Themen, mit Charakteren, die das Leben negieren. Das Ambiente stimmt, das Bühnenbild ist alles andere als lichtdurchflutet oder heiter. Die Akteure und Sartres Text stehen im Mittelpunkt. Das sind oft lange Passagen, gebrochen immer wieder durch hektische Auftritte von Hoederer und seinen Leibwächtern und durch Hugos Frau, die sich gern mal in Szene setzt, um wahrgenommen zu werden.

Theatralische Effekte

Twiehaus hat sich nicht sklavisch an die Vorlage gehalten, und das ist auch gut. Nur so kann er in zwei langen Stunden den Erörterungen, Dialogen und Diskussionen auch theatralische Effekte und wirkliches Schau-Spiel abringen. Das liefern sowohl Siegfried W. Maschek als Hoederer zeitweise mit dekorativer Augenklappe, als auch Varia Linnéa Sjöström als naiv-laszive Jessica und Sophie Basse als linientreue Genossin.
Sven Fricke als Hugo bleibt blass in seiner Rolle, den unsicheren, gleichwohl politisch motivierten Intellektuellen nimmt man ihm nicht ganz ab. Dafür poltern und stolpern umso effektvoller die Leibwächter über die Bühne, die glatt als Mafia-Schergen durchgehen könnten.
Ein durchaus fesselnder Theaterabend, der zwar manche Längen hat, aber Sartres Drama einen zeitgemäßen Anstrich gibt.

(Christiane Schwalbe)