Theater Bremen
Schauspielhaus
Theaterkritik


"Zur schönen Aussicht"

Ödön von Horvath


INSZENIERUNG:
Christian von Treskow BÜHNE, KOSTÜME:
Monika Gora
DARSTELLER:
Ada Freifrau von Stetten
Gabriele Möller-Lukasz;
Christine
Varia Linnéa Sjöström;



"Zur schönen Aussicht"
von Ödön von Horváth

Die Zeiten sind schlecht in den 1920er Jahren, das sieht man deutlich. Ins kitschige, Alpenpanorama rund um die Bühne ist das Hotel "Zur schönen Aussicht" eingebettet: armselig und heruntergekommen, mit zerfetztem Parkett und gleich sieben klapprigen Türen, plus einer schäbigen Drehtür.

Dame von Adel

Ein einziger Hotelgast hält das vermutlich einstmals prachtvolle Haus und seinen Direktor am Leben: Ada Freifrau von Stetten, die sich wechselweise mit Alkohol, dem Chauffeur und dem Hoteldirektor Strasser vergnügt. Das wiederum hält die attraktiv gebliebene, gleichwohl betagte Dame von Adel am Leben.
Alles könnte so schön sein wie die schöne Aussicht auf schneebedeckte Berggipfel, würde da nicht Fräulein Christine einen Strich durch die Rechnung machen. Vor einem Jahr war sie liebster Gast des Hotelbesitzers, der ihr ein Kind gemacht hat. Nur wusste er bislang nichts davon.

Miese Kerle

Angestiftet von der eifersüchtigen Freifrau jagen alle im Hotel vorhandenen Männer (ein verarmter Bruder und ein Sektvertreter kommen noch dazu) die einstige Geliebte, machen sie zum Spielball einer bösen Intrige, um sie zur Hure zu stempeln. Die Männer quälen und demütigen Christine, hinter der bürgerlichen Fassade stecken miese Kerle, die sich aufführen wie die letzten Proleten.
Aber Christine kam nicht wegen der Alimente, sondern aus wahrhaft reiner Liebe, um das Hotel mit ihrem Erbe einer Tante zu retten. Zu spät für Strasser.

Bitterböse Satire

Wirklich komisch ist das alles nicht, gleichwohl von Ödön von Horváth als Komödie und bitterböse Gesellschaftssatire geschrieben, in der er Menschen als berechnend, verlogen und korrumpierbar entlarvt.
Auf der Bühne des Bremer Schauspielhauses geschieht das laut und holzschnittartig.
Da trampeln die Männer, klappern und klappen unentwegt Türen, knallen Sektkorken und schäumen die Flaschen über, da stürzen Menschen zu Boden oder hopsen in alberner Affenmanier die große Treppe hinauf und herunter.

Schlichtes Boulevard-Theater

Von Horváths Gesellschaftskritik bleibt nicht viel übrig, das ist Boulevardtheater in seiner schlichtesten Form, leider gar nicht komisch.
Umso bemerkenswerter ist die schauspielerische Leistung der Gabriele Möller-Lukasz als Freifrau von Stetten. Sie agiert souverän, hält all' die dummen Hanseln mit herrschaftlicher Gebärde in Schach, lässt sie zappeln wie Marionetten, bis sie selbst stockbetrunken zusammenbricht, aller Insignien der Jugendlichkeit beraubt.

Bedauernswert naiv

Varia Linnéa Sjöström als Christine schafft es immerhin, das liebenswerte Mädchen zu mimen, ganz hilflos, ganz kindlich und bedauernswert naiv - bis zum bitteren Erwachen.
Da sitzt sie dann zum Schluss auf dem Trampolin (ein bis zum Schluß rätselhafter Regieeinfall), der sich unfallträchtig gleichsam als universaler Stolperstein unter einem Viereck des abgewetzten Teppichs verbirgt und schaukelt versonnen hin und her.

(Christiane Schwalbe)