Theater Bremen
Schauspielhaus
Theaterkritik


"Der Menschenfeind"

von Molière


INSZENIERUNG:
Alice Buddeberg
BÜHNE, KOSTÜME:
Sandra Rosenstiel
MUSIK:
Stefan Paul Goetsch
DARSTELLER:
Tobias Beyer
Johannes Flachmeyer
Sven Fricke
Daniel Fries
Guido Gallmann
Eva Gosciewicz
Franziska Schubert
Varia Linnea Sjöström



"Der Menschenfeind"

Schauspiel von Molière

Im Paris zur Zeit Ludwig XIV. tummelt sich eine ziemlich üble höfische Gesellschaft: genußsüchtig, wichtigtuerisch, heuchlerisch. Der schöne Schein ist alles, man plustert sich und schlägt mit den Flügeln. Der "Misanthrope", Molières Menschenfeind, wendet sich schaudernd ab von dieser Welt, sucht einen "Winkel, wo man als Ehrenmann noch ungestört und in Frieden leben kann."

Verlogene Gesellschaft

Molières "Menschenfeind" Alceste verzweifelt schier an der Verlogenheit um sich herum. Zunächst tritt er als komische Figur mit Eichhörnchenmaske auf, ruft nach Nüssen ... die es zu knacken gibt? Und was für welche!
Moliéres Komödie im Neuen Schauspielhaus ist alles andere als antiquiert, verstaubt oder altmodisch. Die junge Regisseurin Alice Buddenberg hat Molière ein modernes Hütchen aufgesetzt, ihn in die sparsame Matratzenkulisse einer vorwiegend grau in grauen Wohngemeinschaft versetzt und dem Menschenfeind und Einzelgänger den Griesgram ins Gesicht geschrieben.

Doppelmoral

Was andere mögen, mag der Menschenfeind schon aus Prinzip nicht. Klare Worte machen den Kritiker zum Außenseiter. Er klagt die Doppelmoral an und sucht als Einzelkämpfer Wahrhaftigkeit, Feingeist und Auseinandersetzung ... oder doch nur die Liebste, die man ihm auszuspannen droht?
In dieser WG ist schließlich alles möglich, wie anno 1968 zu WG-Zeiten, als man es nicht so genau nahm beim 'wer mit wem' und Frauen es den Männern gleich taten.

Schöner Schein

Auf der Bühne wird das durch eine komische Nummer überspitzt: Bunte, großformatige Briefe sollen die geliebte Célimène gleich mehrfach bloßstellen. "Der griesgrämige Verliebte" (Molières Untertitel) sieht alle Zweifel bestätigt und kämpft - einer gegen alle. In dieser Gesellschaft sind die Menschen verdorben, unmoralisch, kompromittierbar und selbstgefällig auch dann, wenn sie scheinbar den gesellschaftlichen Konventionen folgen.
Auf der kargen Bühne mit überdimensioniertem Duschvorhang darf blasiert 'rumgestanden, lässig 'rumgelümmelt und arrogant posiert werden. In jeder Pose geht es um den schönen Schein, nicht um wahre Gefühle oder Ehrlichkeit und Moral.

Musikalische Effekte

Im Grau-Grau-Schwarz der Kulisse und Kostüme leuchtet ab und zu ein Weiß und ein frivoles Rot, auch das Licht blitzt manchmal schrill. Die jungen Leute gehen schließlich in die Disco. Dazu eine Übersetzung des Molièrschen Textes, bei der die Reimform mit (manchmal) modernen Inhalten per se für Komik sorgt. Musikalische Effekte machen die Inszenierung leicht und unterhaltsam.
Ein heiteres Spiel, jung und mutig inszeniert, mal brav, mal schrill, mal albern, nicht tiefsinnig, aber amüsant, nicht philosophisch, aber pointiert. Die Schauspieler haben durchweg Spaß am Spiel und die Zuschauer auch. Was will man mehr!

(Christiane Schwalbe)