Theater Bremen
Schauspiel
Theaterkritik


"Das stille Kind"

Martin Crimp


ÜBERSETZUNG: Anton Rey und
Rosee Riggs

INSZENIERUNG:
Christian Pade

BÜHNE und
KOSTÜME:
Alexander Lintl

MUSIK:
Joerg Zboralski

DARSTELLER:
Carol:
Johanna Geißler
Nick:
Martin Baum
Milly:
Gabriele Möller-Lukasz
Bob:
Christoph Rinke
Sal:
Irene Kleinschmidt

DAUER:
2 Stunden mit Pause







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"Das stille Kind"

"Getting Attention" - von Martin Crimp

Der Beifall kommt zögerlich, aber wer wollte nach diesem Theaterabend, der uns mit der bitteren Realität der Kindesmisshandlung konfrontiert, auch spontan klatschen. Vor den Augen des Publikum spielt sich auf der Bühne eine Tragödie ab, wie sie in Bremen dem kleinen Kevin geschah, der 2006 zu Tode gequält wurde. Michael Crimp, erfolgreicher britischer Autor, schrieb sein Stück bereits 1991.

Nur nicht hinsehen

Carol lebt mit ihrer kleinen Tochter Sharon und ihrem neuen Lebensgefährten Nick in einer kleinen Wohnung im Parterre. Nick hat nichts anderes im Sinn, als das fremde Kind zu gängeln und zu quälen. Sharon soll aufessen, einschlafen, still sein, sich freuen, wann immer er es will. Er fährt aus der Haut, wenn Sharon ihm nicht gehorcht. Ihm fehlt ihr Respekt. Das stille Kind wird eingesperrt, muss Hunger leiden, Misshandlungen über sich ergehen lassen.
Oben drüber wohnen die Nachbarn Milly und Bob. Sie beobachten, was unter ihnen geschieht, vermuten etwas, sind neugierig, wollen es dann aber doch lieber nicht so genau wissen und sehen weg. Als Sal, die Sozialarbeiterin, Carol und Nick endlich gemeinsam antrifft und zu ahnen beginnt, welches Unheil sich hinter verschlossener Tür abspielt, gerät sie in Panik und läuft davon.

Allgegenwärtig

Auf der Bühne hört und sieht man nichts von Sharon, es wird immer nur von ihr und über sie geredet. Einziges Lebenszeichen: Durch das Glas in der Tür ihres Zimmers scheint manchmal Licht. Dennoch ist sie allgegenwärtig in ihrer Einsamkeit und Qual. Carol vermag der kleinen Tochter weder Raum noch Liebe zu geben, vernachlässigt sie und lässt Dinge geschehen, die vermutlich zum Tod des kleinen Mädchens führen.

Hilf- und sprachlos

Regisseur Christian Pade inszeniert das Milieu gradlinig und genau: das karge, schlampige Zuhause, die Bierdosen im Kühlschrank und die Pizza aus Mikrowelle, die Kippe im Mund und die Ginflasche unter der Spüle, der laufende Fernseher, Sharons Stofftiere, die verloren herumliegen, die Neugier der Nachbarn, die Auseinandersetzungen, in denen Carol angstvoll nachgibt, die Sprach- und Hilflosigkeit von Nick und Carol. Wenn es laut und aggressiv wird auf der Bühne, folgt laute und aggressive Rockmusik.

Darstellung statt Kommentierung

Pade folgt der Absicht des Autors: "Technik des Stückes ist es, Schuldzuweisungen zu vermeiden, eher implizite Fragen zu stellen, als explizite Antworten zu geben, eher darzustellen, als zu kommentieren. In einer von Kommentaren und Gegenkommentaren überladenen Welt ist dies eine der wertvollsten Funktionen von Kunst geblieben."

Unter die Haut

Die Zuschauer sind stets mittendrin, in der Bühnenwohnung gibt es keine Wände, jeder hat von allen Seiten Einblick ins Geschehen. Verschlossen sind nur die Türen der Nachbarn. Und das Zimmer des stillen Kindes. Die Schauspieler führen das Drama der kleinen Sharon und seine Ursachen beklemmend real vor. Eine Inszenierung, die unter die Haut geht.

(Christiane Schwalbe)