Theater Bremen
Schauspielhaus
Theaterkritik


"Die Bakchen"


Schauspiel von
Euripides
Neudichtung
von Raoul Schrott


INSZENIERUNG:
Robert Schuster

BÜHNE und KOSTÜM:
Sascha Gross

MUSIK:
zeitblom, Georg-Falk- Huber

DIONYSOS:
Varia Linnea Sjöström

TERMINE:
08. Juli 2008
24. und 25. Sept. 2008
07./08./19. Okt. 2008


"Die Bakchen"

Neudichtung nach Euripides von Raoul Schrott

Ein Gott kommt nach Theben, um dort Kult zu werden: Dionysos (Bacchus nennen ihn die Römer), Sohn des Zeus, ist der Gott des Rausches und des Weins, aber auch ein Gott des Wahns und der Raserei. Das bekommen alle zu spüren, die ihm nicht huldigen wollen.

Besinnungslose Ekstase

Die Frauen Thebens schickt er auf den Berg Kithairon, wo sie in göttlicher Verblendung Orgien feiern, Tiere reißen und deren rohes Fleisch verzehren. Als Bakchen versinken sie in besinnungsloser Ekstase, gesteuert von göttlicher Rache und Willkür.

Göttlicher Auftrag

Der junge König von Theben will dem obszönen Treiben ein Ende setzen und Dionysos verjagen. Aber er ist neu-gierig genug, sich von eben diesem Gott überreden zu lassen, in Frauenkleidern auf den Berg zu steigen - wo er von der eigenen Mutter Agaue und den Bakchen zerrissen wird: heilige Handlung in göttlichem Auftrag. Agaue trägt den Kopf des Sohnes als Trophäe vor sich her, ehe sie qualvoll zur Besinnung kommt.

Zumutbar umgeschrieben

Die Tragödie von Euripides ist nicht gerade ein heiterer Stoff, umgeschrieben von Schriftsteller Raoul Schrott und in eine Version gebracht, die einem heutigen Publikum eher zumutbar, sprich verständlich, ist. Verstehen ist in diesem Fall wörtlich gemeint, denn es gibt wortgewaltige Monologe im Übermaß.

Vertauschte Rollen

Damit die Wortlastigkeit eine sinnliche Qualität bekommt, lässt Regisseur Robert Schuster moderne Puppen tanzen - in vertauschten Rollen: Unten bewegen sich die Bakchen, vier halbnackte, grell geschminkte Männer in spärlichen Frauenkleidern und High Heels. Sie agieren als provozierende Travestiegestalten vor einer engen Nähstubenkulisse.

Krampfhafte Menschwerdung

Oben, in hellen Sperrholzräumen, windet sich der androgyne Gott Dionysos in Krämpfen, um Mensch zu werden. Gespielt wird er von einer Frau, die einen überdimensionalen Penis unterm Body trägt. Der blinde Seher Teiresias und Pentheus' Großvater Kadmos wollen am orgiastischen Treiben auf dem Berg teilhaben, aber Pentheus weiß das zu verhindern. Vom bacchantischen Treiben berichtet entsetzt und emphatisch der Hirte.

Schrille Figuren

Auf der Bühne stehen, schreiten und lümmeln sich mehr oder weniger groteske Figuren. Das ist zuweilen eher kabarettistisch, denn tragisch und gewiss sehr modern, zum Schluss (etwas plötzlich) sehr tragisch, unbedingt aber eine bemerkenswerte schauspielerische Leistung des neuen Ensembles, insbesondere von Varia Linnéa Sjöström als Dionysos und Gabriela Maria Schmeide als Agaue.

Die Frage nach dem Sinn

Was uns die Bakchen heute sagen können? Naja ... vielleicht was von Rachsucht und falschen Göttern ... Aber vielleicht ist der in diesem Stück nach einem zeitgemäßen Sinn suchende Zuschauer einfach fehl am Platze ... l'art pour l'art, warum auch nicht.

(Christiane Schwalbe)