Theater Bremen
Concordia Theater
Theaterkritik


"Plutos oder wie der Reichtum sehend wurde"

von Aristophanes


INSZENIERUNG:
Frank-Patrick Steckel

BÜHNENBILD:
Michael Köpke

CHOREOGRAPHIE.
Alexander Hauer

MUSIK:
Dirk Raulf

KOSTÜME:
Stefanie Krapka

MASKEN:
Rosi Algra

DARSTELLER:
Chremylos:
Tom Pidde

Die Armut:
Iris Bettina Kaiser







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"Plutos oder Wie der Reichtum sehend wurde"

von Aristophanes

Variation auf eine attische Komödie von Frank Patrick Steckel

Es ist die letzte überlieferte Komödie des Aristophanes und man möchte meinen, dass ein knapp 400 Jahre vor Christus aufgeführtes Stück uns nichts mehr zu sagen hätte. Weit gefehlt, vor allem, wenn Frank-Patrick Steckel sich des Stoffes annimmt, den Text zeitgemäß bearbeitet und uns mit pointierter Kritik am kapitalistischen System konfrontiert.

Puristische Kulisse

Dass aus "Plutos" im Concordia ein Theaterhighlight wurde, hat aber nicht nur mit dem Regisseur, sondern ebenso viel mit dem großartigen Ensemble des Theaterlabors zu tun.
Die Zuschauer blicken wie in einem griechischen Theater hinunter auf die Bühne: Auf blanken Dielen liegt ein großer runder Teppich aus grobem Sackleinen, die Wände sind weiß getüncht und eine aus Brettern gezimmerte Bauernhütte wird hereingeschoben. Das ist alles. In diesem kargen Spielraum setzen die Schauspieler die Geschichte von der ungerechten Verteilung des Reichtums höchst vergnüglich und abwechslungsreich in Szene.

Weltveränderer

Chremylos, ein armer Bauer, will vom Orakel wissen, wie er seinen Sohn erziehen soll, damit der es einmal besser habe. Die Antwort: Wen er als nächsten trifft, den soll er mit nach Hause nehmen.
Ein alter, gebrechlicher Mann läuft ihm über den Weg, zerlumpt, verdreckt und blind. Er entpuppt sich als Plutos, der Gott des Reichtums. Der Bauer wittert die Chance, die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend zu verändern, wenn Plutos wieder jung und sehend wird. Asclepios soll ihn heilen.
Das leidende Volk von Athen ist Feuer und Flamme und feiert Chremylos als eine Art revolutionären Volkstribun. Dann versetzt die Verehrung des geheilten und verjüngten Plutos die Menschen in einen Freudentaumel: Wir sind das Volk und die bessere Welt ist nicht mehr weit.

Choreographie des Elends

Eine utopische Bauernkomödie nennt Steckel seine Inszenierung, in der die Armen in entstellenden Masken und deformierenden Kostümen als (antiker) Chor in einer beeindruckenden Choreographie des Elends singen und tanzen, begleitet von einem abwechselnd klagenden oder agitierenden Sopran-Saxophon. Frauen spielen die Männerrollen, im antiken Theater war es umgekehrt, Masken gehörten auch damals dazu.

Armut in schrillen Tönen

Ein Höhepunkt dieser sehenswerten Inszenierung ist das großartige Rededuell zwischen Chremylos (Tom Pidde) und Penia, der Göttin der Armut (Iris Bettina Kaiser), die als hohläugige Vogelscheuche auf die Bühne stakst und in buchstäblich schrillsten Tönen das kreative Potential der Armut preist.
Ein weiteres Highlight ist Plutos Auftritt als Geheilter, gehüllt in blütenweiße Gewänder, Utopien von einer besseren Welt verkündend, verehrt wie ein Götze.
In der Schlußszene wird aus der antiken Komödie endgültig politische Gegenwart: Der Börsenspekulant ist pleite und ein zerknirschter Volksvertreter gibt sich geläutert.

Politisches Theater vom Feinsten

Steckel hat - so erfährt man im Publikumsgespräch - das Stück angesichts der zusammenbrechenden Finanzmärkte in Zusammenarbeit mit dem Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel nahezu täglich aktualisiert. Das Ergebnis ist inhaltlich und schauspielerisch rundum beeindruckendes und unterhaltsames politisches Theater.

(Christiane Schwalbe)