Theater Bremen
Theaterkritik


"Gegen die Wand"

Oper von
Ludger Vollmer



INSZENIERUNG:
Michael Sturm
DARSTELLER:
Sibel: Sirin Kiliç
Cahit: Levent Bakirci


"Gegen die Wand"

Aus dem 2004 mit dem Goldenen Bären ausgezeichneten Film von Fatih Akin eine spannende Oper zu machen, ist allein schon ein mutiges Unterfangen. Dabei noch musikalische Einflüsse aus zwei Kulturen zu verknüpfen, um diese deutsch-türkische Geschichte zu erzählen, macht das Kunststück nicht leichter. Aber es ist gelungen, vor allem musikalisch ist diese Uraufführung 2008 ein wirkliches Erlebnis.

Flucht in die Scheinehe

Sibel, in Deutschland aufgewachsene Türkin, will den traditionellen Moralvorstellungen ihrer Familie entrinnen und tun und lassen, was sie will. Cahit, psychisch am Ende und abhängig von Drogen, soll sie heiraten – eine Scheinehe, damit sie sich aus den Fesseln der Traditionen befreien kann:"Ich will leben, tanzen, lieben, und nicht nur mit einem".

Mord im Affekt

Die beiden heiraten und jeder geht seiner Wege. Womit die beiden nicht gerechnet haben: dass sie sich ineinander verlieben könnten. Genau das geschieht. Cahit wird eifersüchtig, ermordet im Affekt Sibels Liebhaber und muss ins Gefängnis. Sibel will auf ihn warten, aber in Istanbul beginnt sie ein neues Leben, in das Cahit nicht mehr hineinpasst.

Musik aus zwei Kulturen

Auf der Bühne des Bremer Schauspielhauses stehen die Sänger vor einem Guckkasten, herausgeschnitten aus einer großen graublauen Wand. Dahinter "versteckt" sich eine Stufe tiefer das Orchester, davor agieren auf einer Art Rampe Sängerinnen, Sänger und der Chor.
Es sind nicht nur die "klassischen" Instrumente, die gespielt werden, sondern auch türkische. Komponist Ludger Vollmer hat zeitgenössische Musik mit traditionellen türkischen Melodien verbunden. Das macht den besonderen Reiz dieser Oper aus, deren Libretto Vollmer in enger Anlehnung an den Film schrieb.

Wechselspiel der Kulturen

Die Zuschauer werden dem Wechselspiel unterschiedlicher Kulturen ausgesetzt, den Gefühlen, Stimmungen und Spannungen, die sich für die betroffenen Menschen daraus ergeben. Michael Sturm inszeniert die Oper mit Tempo und Energie, aber auch mit leisen Szenen, die von ebenfalls leiser (orientalischer) Musik gestützt werden.
Sirin Kiliç und Levent Bakirci sind Deutschtürken, die ihre Rollen überzeugend singen und spielen. Denn das Spiel ist in dieser Oper alles andere als zweitrangig. Die Akteure sind ständig in Bewegung.

Abschied von Traditionen

Die Suche nach Identität, der Abschied von gewohnten Traditionen – darum geht es im Film ebenso wie in der Oper. Ludger Vollmer hat an der Umsetzung des komplexen und schwierigen Themas drei Jahre gearbeitet.
Die Brutalität und Dramatik vieler Szenen aus dem Film wird auch auf der Opernbühne umgesetzt. Das gelingt nicht immer ganz stimmig, wirkt bisweilen aufgesetzt theatralisch und etwas hölzern, vor allem, wenn man den Film kennt.

"Große Oper"

Die dreistündige Inszenierung setzt auf Emotionalität und Spannung, will nicht nur das klassische Opernpublikum ansprechen, sondern insbesondere auch junge und türkische Besucher ins Theater holen, was ganz offensichtlich gelingt. Das Publikum ist deutsch-türkisch gemischt und im Durchschnitt deutlich jünger als gewohnt.
Die Texte sind übersetzt und werden im Hintergrund gut lesbar projiziert. Gesungen wird türkisch und deutsch.
GEGEN DIE WAND ist der spannende und beeindruckend geglückte Versuch, zwei Kulturen auf der Bühne zusammenzuführen und in aller Modernität "große Oper" daraus zu machen.

(Christiane Schwalbe)