Theater Bremen
Theaterkritik


"Celan"

Peter Ruzicka


Text:
Peter Mussbach


MUSIKAL. LEITUNG:
Peter Ruzicka
DRAMATURGIE:
Hans-Georg Wegner
INSZENIERUNG:
Vera Nemirova
BÜHNENBILD:
Stefan Heyne
KOSTÜME:
Klaus Noack
CHOR:
Tarmo Vaask

DAUER:
2 3/4 Std. o. Pause







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"CELAN" von Peter Ruzicka

Musiktheater in sieben Entwürfen - Bremer Erstaufführung

Der Komponist Peter Ruzicka, gerade mal 21 Jahre alt, traf Celan 1970 in Paris, hoffte auf eine Zusammenarbeit und ahnte nicht, wie es um den Dichter stand, der nur wenig später Selbstmord beging. Er stürzte sich in die Seine.

Prägende Begegnung

Die Begegnung mit ihm blieb für Ruzicka prägend, er hat sich jahrzehntelang mit Leben und Werk des Dichters auseinander gesetzt.
Paul Celan, der 1958 den "Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen" und 1960 den Büchner-Preis erhielt, sorgte vor allem im politischen Umbruch der 1960er Jahre für lebhafte Debatten, in denen es um Vergangenheitsbewältigung und die Frage ging, ob nach Auschwitz Gedichte überhaupt noch geschrieben werden könnten.

Biografische Entwürfe

Ruzickas zeitgenössisches Musiktheater ist weder eine Oper im herkömmlichen Sinn noch eine theatralische Vertonung Celan'scher Texte. Es sind sieben Szenen, die auf biografischen Fakten beruhen, keine Vollständigkeit beanspruchen und deshalb Entwürfe genannt werden.
Thematisch geht es um die lebenslangen Schuldgefühle Celans, der den Tod der Eltern in einem Arbeitslager der Nazis nicht verhindern konnte, selbst aber am Leben blieb, um sein Verhältnis zu Frauen, um seine Beziehung zur jungen Ingeborg Bachmann, seine Ehe mit Gisèle Lestrange und den Vorwurf, Plagiator zu sein.

Assoziationen

Das angestrengte Leben des Dichters wird vor einem aufwendigem Bühnenbild beeindruckend in Szene gesetzt. Die ebenso junge wie opernerfahrene Regisseurin Vera Nemirova findet intensive Bilder, die die Zuschauer zu Assoziationen ermuntern – mit Szenen aus dem Leben eines innerlich zerrissenen Menschen, der immer wieder den Holocaust thematisiert.
Es sind aber keine ästhetischen Bilder des Grauens, sondern "bildlose Welten", wie die Regisseurin erklärt, mit eindringlichen, symbolhaften Szenen, die emotional wahrgenommen werden wollen.

Klang-Bilder

Ruzickas Neue Musik schafft imposante Klang- und Raumbilder, springt hin und her wie die menschliche Erinnerung, ist sperrig und manchmal unerträglich, provoziert mit Paukenschlägen und Blasinstrumenten, wechselt vom hohen Sirren in lyrische Harmonien, klagt, fleht und lässt keine Ruhe. Musik als Sprache ist hier wörtlich zu nehmen.
Auf der Bühne bleibt es vor allem beim Sprechgesang, der Ausdruck kommt aus dem kraftvollen theatralischen Spiel, das seinen Höhepunkt in einer 20minütigen Chorszene findet, in der sich aus einem vielfach intonierten Vokal schließlich der Name Jerusalem "als die Hoffnung aller jüdischen Menschen im Moment der Bedrohung und des Todes" formt.

Zeitsprung in die Gegenwart

Das Libretto schrieb Peter Mussbach. Schade nur, dass man vom Text so wenig versteht. Zum Glück sind die einzelnen Entwürfe im Programmheft beschrieben, die das Geschehen auf der Bühne leichter verständlich machen (nach vorheriger Lektüre!) und auch den Zeitsprung in die Gegenwart über Gewalt und Faschismus erklären: ein "Theater im Theater", das zusammen mit den Videobildern einer Straßenumfrage "Vergessen" oder "Erinnern" thematisiert.
Ein eindrucksvoller und wichtiger Theaterabend.

(Christiane Schwalbe)