"Raoul"

Gershon Kingsley


(*1922 Bochum,
dt./amerik. Komponist)
Libretto:
Michael Kunze
(*1943 Prag) Regie:
Julia Haebler
(*1973 in Berlin)
Neues Schauspielhaus
Bremen


"Raoul"

Gershon Kingsley

Im jüdischen Glauben gibt es eine Legende, die sagt, dass die Welt solange besteht, wie es 36 Gerechte gibt. Solch ein gerechter Mensch ist Raoul Wallenberg, der Tausende Menschen gerettet hat und danach unauffindbar verschwand. Die Oper mit der Musik von Gershon Kingsley und dem Libretto von Michael Kunze wurde in Bremen uraufgeführt.

Tausende überlebten

Eine offene abgeschrägte Bühne, eine halbhohe verschiebbare Wand, der Chor in hellgrauer Straßenkleidung, im Hintergrund das Orchester, weitere Chormitglieder sitzen in einer Reihe an der Rückwand, in halber Höhe eine Art Balkon für das Liebespaar Serge und Rahel. Ein sparsames, fast strenges Bühnenbild für eine Oper, die die dramatische Geschichte des schwedischen Bankierssohnes Raoul Wallenberg erzählt, der 1944 Tausenden ungarischer Juden das Leben gerettetet hat.

Musik zwischen den Stühlen

"Raoul" ist nicht wirklich Oper, auch kein Musical, sondern liegt irgendwo zwischen ernster, moderner, manchmal rhythmisch-elektronischer und unterhaltender Musik. Es ist "Musik zwischen den Stühlen", wie Kingsley auf seiner Internetseite formuliert. Die Eltern des 85jährigen deutschstämmigen Amerikaners mussten selbst vor den Nazis fliehen als Gershon neun Jahre alt war.

Ungeklärtes Verschwinden

Raoul, Sohn eines wohlhabenden Bankers, findet für sein Leben erst dann eine Perspektive als er mit dem Unrecht der Nazis konfrontiert wird. Er geht als schwedischer Diplomat nach Budapest, trickst Eichmann und die SS aus, vergibt Tausende von schwedischen Schutzpässen, um ungarische Juden vor Deportation und Vernichtungslagern zu retten. Er selbst verschwindet zum Schluss, niemand weiß, wohin. Seine Geschichte ist bis heute ungeklärt.

Film für die Bühne

Diese Mischung aus Schauspiel, Oper und Musical, dieser "Film für die Bühne", wie Kingsley es in einem Radiointerview genannt hat, präsentiert sich als neue, ungewöhnliche Art von Musiktheater. Die theatralischen Abläufe bestimmt nach der klaren Choreografie von Jacqueline Davenport der Chor, aus dem einzelne als Solisten immer nur kurz hervortreten.

Intensive Bilder

Eine kühle, sachliche, gleichwohl fesselnde Inszenierung, die auch in der Liebesgeschichte von Rahel und Serge fast distanziert bleibt. Das liegt möglicherweise an den etwas schulischen, knappen Zusammenfassungen in den Übertiteln der englisch gesungenen Oper, die dem Zuschauer immer wieder Aufmerksamkeit abfordern, vielleicht auch am eher dokumentarischen Charakter dieses Lehrstücks über Zivilcourage, das auf den Verstand zielt und nicht aufs Herz. Dennoch ist Regisseurin Julia Haebler eine beeindruckende Inszenierung dieses schwierigen Musiktheaters gelungen, mit intensiven Bildern und Szenen, die aus Bewegung und Gesang ihre Spannung nehmen.

( Christiane Schwalbe )