Filmtipp

"Wolke 9"
Spielfilm

REGIE:
Andreas Dresen


Deutschland 2008

DARSTELLER:
Ursula Werner
Horst Rehberg
Horst Westphal


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"Wolke 9"

Wollte man ausschließlich den über diesen Film veröffentlichen Bildern glauben, dann wäre dieser Film ein reiner Sex-Film mit alten Menschen. So ist Werbung gern: spektakulär und verfälschend.

Unverhüllte Lust

Andreas Dresen hatte mehr im Sinn - auch Sex und Leidenschaft alter Menschen, aber eben nicht nur. Warum sollen Menschen zwischen 60 und 80 keine sexuellen Gefühle mehr haben, sondern lustlos versauern? Und warum muss man, wenn schon Sex, das Liebesspiel verhüllen und verschämt unter der Bettdecke verstecken?

Alt und verliebt

Dresen zeigt beides in Nahaufnahme und bricht damit in den ersten Minuten seines Film gleich zwei Tabus. Er geht noch weiter, denn auch alten Menschen passiert, was für junge als "normal" gilt: Sie verlieben sich urplötzlich noch einmal, stellen die eingefahrene Beziehung auf den Prüfstand und fangen noch mal ganz von vorne an.

Ehe ohne Höhepunkte

Eine neue Liebe erlebt auch Inge, seit 30 Jahren verheiratet mit Werner. Ihre Ehe bewegt sich in gewohnten Bahnen, die beiden leben mehr oder weniger nebeneinander her, routiniert im Alltag, ohne Höhepunkte, aneinander gewöhnt.
Inge trifft Karl und Karl bringt alles durcheinander. Sie wehrt sich zunächst gegen die Schmetterlinge im Bauch, schafft es aber nicht, sie zu unterdrücken. Sie will sie leben, endlich mal ganz unbescheiden und egoistisch.

Begrenzte Lebenszeit

Egal, ob jung oder alt: Eine neue Liebe (neben einer alten) schafft Konflikte, bereitet Schmerzen, zwingt irgendwann zur Entscheidung. Den anderen verletzt und kränkt sie. Mit 70 oder älter verlassen zu werden, ist gewiss schwerer zu ertragen als mit Mitte 30 oder 40. Denn die Lebenszeit ist deutlich kürzer geworden, die jahrzehntelange Partnerschaft gleicht einer Symbiose, eine neue Beziehung ist alles andere als selbstverständlich oder leicht zu finden.
Während Inge sich also beglückt in die neue Liebe stürzt und dabei "aussieht wie ein junges Mädchen", leidet Werner unendlich, erst zornig, dann verstört und verzweifelt in Einsamkeit und Trauer. Sein Schmerz löst sich erst in einem Drama auf.

Authentisch und echt

Dresen hat seinen Film gemeinsam mit Team und Hauptdarstellern erarbeitet, die Story war als Grundgerüst vorhanden, die ganze Geschichte wurde während der Dreharbeiten entwickelt und improvisiert.
Das macht diesen ruhigen, wortkargen und anfänglich fast wortlosen Film so authentisch, echt und emotional nachvollziehbar. Angesichts der in Sachen Alter und Liebe immer noch vorhandenen Vorurteile ist der Mut der Schauspieler zu so viel unverblümter Nacktheit bewundernswert.