Filmtipp

Schmetterling und Taucherglocke


REGIE:
Julian Schnabel,

Frankreich 2007
KAMERA:
Janusz Kaminski

DARSTELLER:
Mathieu Amalric,
Marie-Josée Croze,
Marina Hands,
Max von Sydow.


"Schmetterling und Taucherglocke"

Regie:
Julian Schnabel

Der Film beginnt irritierend: ein schemenhafter, verschwommener Wechsel von Licht und Schatten, verwirrend, neblig, beängstigend. In genau dieser Situation befindet sich Jean Dominque Bauby, 42 Jahre alt, genannt Jean-Do, Chefredakteur der Zeitschrift "Elle", als er nach einem Hirnschlag aus dem Koma erwacht. Er kann nicht sprechen, wohl aber denken. Ein Albtraum.

Innerer Monolog

Jean-Do's Gedanken begleiten den Zuschauer als innerer Monolog des Kranken, der im Bett liegt, nur nach oben sehen kann, in die sorgenvollen Gesichter seiner Ärzte blickt, die ihm mit brutaleR Offenheit mitteilen, dass er komplett gelähmt ist. Bauby leidet unter dem Locked-In-Syndrom und das bedeutet: totale Bewegungslosigkeit bei klarem Bewusstsein.

Bei vollem Bewusstsein

Zum Locked-In-Syndrom gehört aber auch ein Rest von Beweglichkeit der Augen. Bauby kann mit dem linken Augenlid blinzeln. Weil ihm das rechte Auge immer wegrutscht, wird es zugenäht, damit sich kein Tumor bildet. Das ist so ziemlich die brutalste Szene, hier wird die absolute Hilflosigkeit des Kranken fast physisch spürbar. Er ist bei vollem Bewusstsein und kann sich gegen den Eingriff, der ihm das Blickfeld noch mehr eingrenzt, nicht wehren.

Innenleben voller Reichtum

Alles, was in der Lage eines so schwer behinderten Kranken unästhetisch, schockierend oder abstoßend ist, blendet der Film aus. Regisseur Julian Schnabel geht es um die Innenwelt dieses Lebe- und Karrieremannes, die erfüllt ist von Träumen, Fantasien und Gedankenreisen, von Erinnerungen an geliebte Menschen, an seine drei Kinder und seinen Vater, an die Literatur. Baubys lebhafter Geist ist hellwach, aufmerksam und dankbar. Seine Kommentare über die besorgte Außenwelt sind manchmal urkomisch, dann wieder ironisch, traurig oder zynisch.

Der Geist geht auf Reisen

Mit seiner Logopädin kommuniziert er mit Hilfe eines speziellen Alphabets, er blinzelt, wenn der richtige Buchstabe genannt ist. So entstehen Wörter, Sätze, Sprache, Sprechen. Vom Tod ist nur einmal die Rede, als er "ich will sterben" diktiert. Seine Therapeutin verlässt ihn brüsk, entschuldigt sich dafür und hat doch eine Wandlung befördert. Jean Do beschließt, ein Buch zu schreiben: "Schmetterling und Taucherglocke". Sein Geist geht auf Reisen wie ein Schmetterling, während sein Körper gefangen ist wie unter einer schweren Taucherglocke.

Ein Film über das Leben

Ein bewegender Film, der in schönen Bildern vom Leben und von der Liebe erzählt und den Zuschauer immer wieder in die begrenzte Perspektive dieses hilflos ans Bett oder den Rollstuhl gefesselten Mannes schlüpfen lässt. Aber seine Fantasie setzt sich darüber hinweg und lässt ihn in die Welt hinaus fliegen, sie neu entdecken. Triumph des Geistes über den Körper. Irgendwann wird das Licht gleißend, dann wieder schwächer, nebliger, die Figuren verschwimmen erneut. Das Buch ist geschrieben und veröffentlicht. Kurz danach stirbt Jean-Do Bauby.