Filmtipp

Die Welle


REGIE:
Dennis Gansel
Deutschland 2008

DARSTELLER:
Jürgen Vogel
Frederick Lau
Jennifer Ulrich
Max Riemelt
Christiane Paul
Maren Kroymann

"Die Welle"

Regie: Dennis Gansel

Ein politischer Film, der unter die Haut geht. Mehr noch: Er ist bedrohlich. Diese Geschichte, gedreht nach dem Schulbuch-Klassiker von Morton Rhue, könnte sich jederzeit in der Wirklichkeit zutragen. Ein ähnliches Experiment über die Manipulierbarkeit des Individuums und die Hörigkeit vor Obrigkeiten hat 1967 an einer Highschool in Kalifornien stattgefunden und bewiesen, dass Faschismus jederzeit und überall aufbrechen kann.
Am Bremer Schnürschuh-Theater hat die Bühnenfassung des Stoffes am 3. April Premiere, parallel dazu gibt es in der Bremischen Bürgerschaft eine Ausstellung zum Thema "Rechte Jugendkulturen" und "Antisemitismus".

Nicht schon wieder

Eigentlich wollte er lieber die Projektwoche über Anarchie übernehmen. Das hätte auch besser zum rockigen Lehrertypus Rainer Wenger alias Jochen Vogel gepasst. Aber das Thema ist an einen spießigen Kollegen vergeben, also bearbeitet er mit den Schülern die Staatsform Autokratie, sprich: Diktatur. In der ersten Stunde kommt, was wir nicht nur in der Schule hören: "Nicht schon wieder ... So was wie die Nazis kann es nicht mehr geben ... irgendwann muss mal Schluss sein mit den Diskussionen ... Wir sind doch nicht schuld." Aber auch: "Es geht nicht um Schuld, sondern um das Gefühl der Verantwortung auch bei der nächsten und übernächsten Generation."

Gefährliches Experiment

Rainer Wenger beginnt ein pädagogisches Experiment mit den Überschriften: Macht durch Disziplin, Macht durch Gemeinschaft, Macht durch Handeln. In der Klasse verändert sich etwas: Vorbei das Du, "ja, Herr Wenger, nein, Herr Wenger", wer antwortet, der steht auf. Die Schüler finden das toll, folgen dem Lehrer blind. Sie geben sich den Namen "Die Welle", entwickeln ein Logo, bauen ein Internetportal auf, finden einen gemeinsamen Gruß. Sie uniformieren sich mit weißen Hemden, weil soziale Unterschiede dann nicht mehr sichtbar sind. Andersdenkende werden abgelehnt, das anfängliche Gruppengefühl wird zum Gruppenzwang.

Sog der Macht

Aus dem demonstrativen Spiel wird gefährlicher Ernst, Motivation gerät zur Manipulation. Die Schüler reden nur noch vom (gleichmachenden) Gemeinschaftsgefühl. Die Folgen: Ausgrenzung, Neid, Konkurrenz und Gewalt. Jede Individualität wird der Gruppe geopfert. Lehrer Wenger erliegt selbst dem Sog der Macht, das Experiment entgleitet ihm und eskaliert. Nur zwei Mädchen sind nicht verführbar und leisten hartnäckig Widerstand.

Schleichende Gefahr

Diktatur und Faschismus fallen nicht vom Himmel, sie kommen schleichend, beginnen im ganz normalen Alltag, sind plötzlich nicht mehr beherrschbar. Die Gruppe hat Macht, auch der Einsame, der Außenseiter, der Ausländer, der Schwache sind im "wir sind alle gleich" aufgehoben. Eine fiktive Geschichte? Nur, solange solche Verführer im Zaum gehalten werden. Das Bedürfnis nach Konformität ist größer als wir denken. In Zeiten von Arbeitslosigkeit und Hartz IV mehr denn je.