
Öffnungszeiten:
Di,Mi,Fr 10-18 Uhr
Do 10- 21 Uhr
Sa-So 11-18 Uhr
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Sie sind in der großen Sonderausstellung "Manieren" im Focke-Museum höchst anschaulich zu besichtigen, über einen Zeitraum von rund 800 Jahren. So lange gibt es im deutschsprachigen Raum Formen von Etikette, niedergeschrieben in Regel- und Anstandsbüchern. Zu sehen sind Gemälde, Fotos, Bücher, auch kostbares Porzellan und edles Tafelsilber, dazu kleine Filme (Loriot inklusive) und umfangreiche Informationen auf kleinen Tafeln, die man in die Hand nehmen kann. Die Schau präsentiert insgesamt über 200 Exponate.
Gleich im Eingangsbereich ist die älteste deutsche Tugendlehre ausgestellt, "Der welsche Gast" von Thomain von Zerclaere, im Winter 1215/16 fein säuberlich handgeschrieben und mit vielen Zeichnungen dekoriert, ein Schmuckstück dieser Ausstellung. Wie auch das Gemälde "Die Teegesellschaft" von Johann Peter Hasenclever, das illustriert, wie reich gewordene Bürger den Adel nachahmen. "Neureiche", die zur besseren Gesellschaft gehören wollten, gab es zu allen Zeiten.
Ein Nachtstuhl um 1860 erzählt Geschichten von Diskretion und Intimität, die "The Toilet Poster" mit Frank Zappa auf dem Klo geradezu boykottiert. Es gehört zur Zeit der Tabubrüche und des gesellschaftlichen Protestes gegen Anstand und Sitte.
Die kolorierte Radierung von James Gillray "Germans Eating Sour-Krout" (1803) beleuchtet typisch Deutsches, und moderne Werbeplakate hängen provozierend im Eingangsbereich: "Lass die Hosen runter!" und "Wer bist Du wirklich?" von RTL zu BigBrother oder die missratene Werbung von Tele2 "Noch billiger zu haben als Frau Schmidt aus der Buchhaltung".
Denn darum geht es: Manieren sind Umgangsformen, die der Würde des Menschen, der Achtung und dem Respekt untereinander dienen. Das sich über die Jahrhunderte hinweg dabei auch unsinnig strenge Regeln und überflüssige Konventionen, leere Formeln und hohle Gesten entwickelt haben, zeigt die Ausstellung u.a. in zahlreichen Karikaturen über eitle Dandy’s und Beau’s.
Der "gute Ton" wird dokumentiert in vielen Zitaten: "Es ist unhöflich, jemanden zu grüßen, der uriniert oder seinen Magen entleert", schrieb 1530 Erasmus von Rotterdam, der auch mahnte: "Rücke nicht auf Deinem Stuhl hin und her. Wer das tut, erweckt den Anschein, als ließe er seine Blähungen abgehen oder versuche es zumindest."
Die spannende Zeitreise durch die Kulturgeschichte der Manieren vom Mittelalter bis in unsere Zeit (die man übrigens auf rotem Teppich unternimmt), beleuchtet auch soziale Unterschiede: Bäuerisches Verhalten galt als primitiv, weshalb die Menschen vom Lande den meist missglückten Versuch unternahmen, die feinen Sitten derer "von Welt" zu imitieren. Was die vornehme Gesellschaft hämisch und mit viel Spott in Zeichnungen und Gemälden zu kommentieren wusste.
Adolph Freiherr Knigge fehlt in dieser Ausstellung natürlich nicht, der ewig missverstandene "Benimm-Papst", der in seinem Werk "Über den Umgang mit Menschen" alles andere als Anstandsregeln bei Tisch oder im öffentlichen Raum beschrieben hat, sondern sich bürgerlicher Aufklärung und respektvollen Umgangsformen ohne Ansicht der sozialen Herkunft verpflichtet fühlte.